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Bei der Langen Nacht der Kirchen: Michael Bünker im Gespräch mit dem früheren Präsidenten des Deutschen Bundestags, Wolfgang Thierse.
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Die europäische Gesellschaft steckt in einer Krise und die Gründe dafür sind die rasanten globalen, ökonomischen und digitalen Veränderungen. Das war das Fazit einer Diskussionsveranstaltung im Rahmen der „Langen Nacht der Kirchen“ in der Wiener Schottenkirche. Ein Ausweg aus der Krise seien „gemeinsame Werte und ein tragendes Fundament“, an denen Kultur, Politik und Kirche arbeiten müssten. Ansonsten steige die Gefahr des Nationalismus und einer Unzufriedenheit, wie sie sich z.B. in den „Gelbwesten“-Proteste in Frankreich entlade. Darin waren sich der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, der frühere Präsident des Deutschen Bundestags, Wolfgang Thierse, und der die Österreichische Bischofskonferenz in Brüssel vertretende Michael Kuhn einig. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Läuft die Gesellschaft aus dem Ruder?“

In seinen Eröffnungsworten attestierte der ehemalige SPD-Politiker Thierse repräsentativen Parteien, großen Institutionen und Organisationen, einschließlich der Kirchen, ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die voranschreitende Globalisierung würde zusätzlich zu einer Krise innerhalb der Bevölkerung und einer zunehmenden „Entheimatungsbefürchtung“ führen, so die Einschätzung Thierses. Als Beispiel führte er die Diskrepanz zwischen dem aktuellen Wohlstand in Deutschland und Österreich und der persönlichen Einschätzung der eigenen Situation an. Letztere sei von Abstiegsängsten geprägt.

Die Widersprüchlichkeit sei mit einer zunehmenden Polarisierung einer gespaltenen Mittelschicht, die „sich nicht mehr sicher fühlt“, zu erklären. Anstelle eines „goldenen Zeitalters der Demokratie“ – nach Kommunismus und Nationalismus – seien ungeahnte und rasante Veränderungen, wie die Flüchtlingskrise im Jahr 2015, eingetreten, erläuterte Thierse. Das führe zu einer gesellschaftlichen Irritation und erzeuge das Bild, dass „die Politik hinterherhinkt“. Terrorismus, kriegerische Konflikte und die Schwächung der internationalen Organisationen würden schließlich zum Bild einer „Welt in Unordnung“ führen. „Ein Optimismus fällt bei der komplexen Problemfülle schwer“, räumte Thierse ein.

Das Konglomerat an Ängsten und Verunsicherungen sollte die Politik, Kirchen und Religionen aufrütteln, um aktuelle Herausforderungen wie Integration und Migration „so sachlich wie möglich zu besprechen“, forderte Thierse. „Christen und Kirchen müssen sich als Dialogpartner einbringen und in Überzeugungskraft für die eigene Sache und Botschaft einstehen.“ Denn: „Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Anti-Feminismus sind keine Beiträge für ein gemeinsames Fundament, egal ob diese Ideen von Einwanderern oder Parteien wie AFD und FPÖ kommen“, meinte der ehemalige Politiker.

Bünker: „Ungleichheit mitten unter uns“

Das Projekt Europa werde wegen der „Ungleichheit mitten unter uns“ immer mehr angezweifelt, betonte Bischof Bünker. Die europäische Idee gehe von einem erträglichen Leben für alle aus, aber „dazu ist es nicht gekommen“. Als Beispiel nannte der evangelisch-lutherische Bischof „aus dem Ruder laufende Spitzengehälter“. Bünker warnte aber auch davor, die EU mit einem „Heiligenschein zu versehen“. Man brauche Sachlichkeit und Nüchternheit in der Politik.

„Wir sehen die Phänomene und Probleme, tun aber zu wenig“, sagte Bünker, der auch eine spirituelle Krise der EU wahrnimmt. Grund dafür seien auch die „ertrinkenden Menschen im Mittelmeer“. Und weiter: „Das lastet auf meiner Generation, darum verstehe ich die Jüngeren, die sich das nicht mehr gefallen lassen und streiken bis wir etwas tun“, so der Bischof in Anspielung auf die „Fridays for Future“-Kundgebungen.

„Fortschritt dringt nicht zu allen Menschen“

Michael Kuhn, Referent der katholischen EU-Bischofskommission COMECE mit Sitz in Brüssel, erinnerte an die Proteste der „Gelbwesten“ in Belgien und Frankreich. Diese würden das „Auseinanderdriften von Zentrum und Peripherie“ verdeutlichen und zeigten, dass der „Fortschritt nicht zu allen Menschen dringt“.

Christen und Kirchen müssten diese Menschen und deren „Aufnahme in den Blick nehmen“. Diese würden die Politik und die EU im Speziellen als „besonders technokratisch“ empfinden. Und weiter: „Wir müssen Menschen, die die Demokratie längst aufgegeben haben, wieder zurückgewinnen.“