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Der Sprecher (Vorsitzende) der hessischen AfD, der Wiesbadener Stadtverordnete Robert Lambrou.
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Jüdische Mitglieder der Alternative für Deutschland (AfD) wollen sich zu einer deutschlandweiten Vereinigung zusammenschließen. Die Gründungsveranstaltung ist für den 7. Oktober im hessischen Offenbach geplant. Der Sprecher (Vorsitzende) der hessischen AfD, der Wiesbadener Stadtverordnete Robert Lambrou, sagte der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, dass er sich dafür eingesetzt habe, die neue Vereinigung in Hessen ins Leben zu rufen. Lambrou wird neben den beiden AfD-Bundesvorstandsmitgliedern, Beatrix von Storch und Joachim Kuhs (Baden-Baden, er ist auch Vorsitzender der „Christen in der AfD“), dort sprechen. Lambrou hegt nach eigenen Angaben starke Sympathien für Juden und für Israel: „Ich wünsche mir einen engen Kontakt der AfD zur jüdischen Gemeinde und zu Israel.“ In seiner Partei sieht er „einen Garanten für jüdisches Leben in Deutschland“. Er kritisiert scharf, dass der Landesvorsitzende der AfD Thüringen, Björn Höcke, in seiner „Dresdner Rede“ im Januar 2018 das Holocaust-Denkmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hat. Lambrou: „Ich bin mit diesem Mahnmal sehr zufrieden und ich halte es für absolut angemessen.“ Der Wirtschaftspolitiker ist davon überzeugt, dass Deutschland aufgrund seiner Geschichte „eine besondere Verantwortung für Juden und für Israel hat“.

Bundesvorstandsmitglied Kuhs: Wäre die AfD judenfeindlich, würde ich sofort austreten

AfD-Bundesvorstandsmitglied Kuhs schätzt, dass etwa ein Prozent der 28.000 Parteimitglieder der AfD jüdischen Glaubens sind. Das wären rund 300 Personen. Wie viele es wirklich sind, werde man hoffentlich nach der Gründungsveranstaltung in Offenbach wissen, sagte er der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Er rechnet damit, dass es zwischen den „Christen in der AfD“ und den „Juden in der AfD“ „zu einem Schulterschluss kommt“. Vorwürfe, die AfD sei judenfeindlich, wies er zurück: „Wenn das der Fall wäre, würde ich sofort austreten.“ Es habe vereinzelt antisemitische Äußerungen von Parteimitgliedern gegeben, die inzwischen die AfD aber verlassen hätten. Diese Äußerungen belasteten die Partei jedoch bis heute schwer. Deshalb sei die Gründung der „Juden in der AfD“ ein ermutigendes Signal.

Jüdischer AfD-Politiker: „Nichts Antisemitisches erlebt“

Zu den Organisatoren des Treffens gehört der Wiesbadener AfD-Stadtverordnete Dimitri Schulz, der selbst ein Jude ist. In einem Film auf YouTube sagt er, dass er in der AfD herzlich aufgenommen worden sei: „Ich habe bisher nichts Antisemitisches in der Partei erlebt.“ Auch er will sich dafür engagieren, dass jüdisches Leben in Deutschland weiter möglich bleibt und er als Jude etwa öffentlich die traditionelle jüdische Kopfbedeckung Kippa tragen könne. Mit Sorge beobachte er dagegen die Entwicklung in Frankreich. Immer mehr Juden wanderten als Reaktion auf den zunehmenden Judenhass der Muslime nach Israel aus. Er bedauert, dass es auch in Deutschland antisemitische Äußerungen gebe. Wenn sie von Linksradikalen oder Muslimen kämen, würden sie nach seiner Beobachtung jedoch von den Medien oft ignoriert.

Kritik von Vertretern jüdischer Gemeinden

Vertreter jüdischer Gemeinden in Deutschland haben Medienberichten zufolge mit Befremden auf die Gründung der Vereinigung „Juden in der AfD“ reagiert. Die frühere Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch (Berlin), sagte der „Bild-Zeitung“, es sei ihr „völlig unverständlich“, wie „jüdische Menschen ihre Mitgliedschaft in einer solchen Partei vor sich selbst rechtfertigen können“. Die AfD bezeichnete sie als Partei, „in der Antisemiten sich pudelwohl fühlen können“. Der jüdische Publizist Michel Friedman (Frankfurt am Main) nannte die AfD eine „menschenverachtende, demokratiefeindliche Partei“: „Niemand sollte in die AfD eintreten, ein Jude erst recht nicht.“ Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte, die AfD sei als Ganzes nicht antisemitisch, aber es gebe „antisemitische Ausfälle“ wie eine Relativierung der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen. Das Engagement von Juden innerhalb der AfD werfe „einige Fragezeichen auf“.

Ehemaliges AfD-Mitglied: Diese Gründung ist „hochnaiv“

Kritik kommt auch von dem parteilosen baden-württembergischen Landtagsabgeordneten Heinrich Fiechtner (Stuttgart), der bis November 2017 der AfD-Fraktion angehörte. Der Arzt hatte Partei und Fraktion verlassen, weil sie sich nach seiner Meinung nicht entschieden von dem AfD-Abgeordneten Wolfgang Gedeon (Rielasingen) distanziert hatten, der sich wiederholt antisemitisch geäußert habe. Fiechtner hält die Gründung der „Juden in der AfD“ für „hochnaiv“. Denn der Antisemitismus sei in der Partei tief verwurzelt. Auch die jüdische Kultur erhalte nicht die Unterstützung, die sie bekommen sollte, sagte der evangelikale Politiker idea. Er verweist auf eigene Erfahrungen: Sein Antrag, im Parteiprogamm sich für Juden und jüdisches Leben in Deutschland sowie für das Land Israel einzusetzen, sei ersatzlos gestrichen worden.