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Nahostexperte Johannes Gerloff kommentiert in seinem Vortrag aktuelle Fragen zum umstrittenen Thema „Israel“.
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Trotz der „Erfolgsstory“ der letzten 70 Jahre steht das Land Israel nach wie vor vor großen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen. Eine davon ist die Schere zwischen arm und reich, die noch immer weit auseinandergeht. Israel ist zwar wirtschaftlich stark, doch vor allem durch den Export von „Know-how“ und den vielen Innovationen, die im Ausland benötigt werden. Diejenigen, die in diesem „Wirtschaftszweig“ tätig sind und sich dadurch auch bereichern können, machen allerdings nur sieben Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Die Landwirtschaft hingegen steckt in einer Krise, weil es nun mal bedeutend günstiger ist, Obst in Florida anzubauen und nach Israel einzufliegen, als es in Israel zu produzieren. Andererseits kommt die Blumenindustrie weltweit kaum ohne Israel aus.

Der größte Teil der Bevölkerung ist vom wirtschaftlichen Wohlstand Israels gar nicht betroffen. Die einfachen Leute, die Käufer und Verkäufer auf den Märkten, sind dennoch positiv gegenüber ihrem Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu eingestellt, weil er ein kapitalistisches System vertritt, das sich stark an dem der Vereinigten Staaten orientiert. Benjamin Netanjahu ist in mehrerer Hinsicht ein sehr populärer Premierminister, vielleicht sogar der populärste, den Israel je hatte. Das liegt auch daran, dass den Menschen in Israel das Auftreten und die äußere Erscheinung eines Politikers wichtig sind. Um ihren Ansprüchen zu genügen, muss ein Politiker z. B. fließend Englisch sprechen, Sicherheit ausstrahlen und eine starke, selbstbewusste Meinung vor der Welt vertreten. Da können auch die gegen ihn vorgebrachten Korruptionsvorwürfe nichts daran ändern. Diejenigen, die Netanjahu gegenüber negativ eingestellt sind, sind häufig westeuropäische oder amerikanische Juden mit einer sehr westlichen Prägung. Politisch gesehen, gibt es keine Begrenzung der Amtszeit eines Premierministers, wie das z. B. in den USA der Fall ist. Ein zynischer Analytiker fasste diesen Umstand einmal so zusammen: „Das einzige, was Netanjahus Regierungszeit begrenzen würde, ist seine Lebenserwartung – und sein Vater ist 102 Jahre alt geworden.

Ein besonders in Europa immer wieder thematisiertes Reizthema ist die Mauer, die Israel vom Westjordanland trennt und architektonisch und umweltpolitisch einen „Schandfleck“ darstellt. Diese Mauer ist tatsächlich eine Art von „Verzweiflungsakt“ eines Staates, der sich angesichts von Selbstmordattentätern nicht anders zu helfen weiß. Andererseits stellt die Mauer wirtschaftlich einen Erfolg dar. Inzwischen werden auf der ganzen Welt Mauern gebaut. Wir kennen sie aus Zypern und dem Libanon und auch Donald Trump ist dabei, eine Mauer zu errichten, die die südliche Grenze der Vereinigten Staaten vor illegalen Einwanderern abschirmt.

Die deutsche Geschichte hat gezeigt, dass eine Mauer immer nur so sicher ist, wie ihre Überwachung. Nicht das Baumaterial ist also entscheidend, sondern die Mentalität, die dahintersteht. Die Berliner Mauer und der „eiserne Vorhang“ wurden von Diktaturen errichtet, die ihren eigenen Bürgern die Freiheit raubten, das Land zu verlassen. Heute sind es Demokratien, die Mauern bauen, um sich vor Menschen, die von außen kommen, abzugrenzen. In Bethlehem ist es so, dass der Wall bewusst auf eine Art und Weise errichtet wurde, die den Palästinensern schadet. In Nordjerusalem ähnelt die sie eher einer Schallschutzmauer und fällt deshalb auch kaum auf.

Näheres dazu von Johannes Gerloff, Nahostexperte und Nachrichtenkorrespondent aus Israel im Podcast. Es ist der zweite Teil seines Vortrags zum Thema „70 Jahre Israel – wie geht es weiter?“ aus der Themenreihe "Israel – Brennpunkt der Weltgeschichte" im ERF Südtriol.