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Blick über Aleppo.
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Heute endet die viertägige Reise von Erzbischof Dr. Ludwig Schick (Bamberg) und Erzbischof Dr. Tadeusz Wojda SAC (Bialystok/Polen) nach Syrien. Der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz und der für internationale Angelegenheit der Polnischen Bischofskonferenz zuständige Erzbischof waren gemeinsam zu einem Besuch nach Aleppo und Homs aufgebrochen, um der Kirche in dem durch Krieg und Bürgerkrieg verwüsteten Land ihre Solidarität zu bezeugen. "Die Katholiken in Deutschland und Polen stehen vereint an der Seite des leidenden syrischen Volkes. Gemeinsam bekunden wir unsere Verbundenheit mit der Kirche in Syrien. Und gemeinsam suchen wir nach Wegen der Hilfe", erklärte Erzbischof Schick vor dem Rückflug nach Deutschland.

Die beiden Erzbischöfe besuchten mehrere Projekte von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, und der polnischen Caritas, die von den Bischofskonferenzen aus beiden Ländern unter eine gemeinsame Schirmherrschaft gestellt worden sind. Zur Reisegruppe gehörten auch der Leiter von Caritas international, Dr. Oliver Müller, und der Direktor der Caritas Polska, Pfr. Marcin Izycki. Durch die Hilfsmaßnahmen erhalten Familien im stark zerstörten Ost-Aleppo Nahrungsmittel und Güter des täglichen Bedarfs. Kinder, die während der jahrelangen militärischen Auseinandersetzungen keine Schule besuchen konnten, haben die Möglichkeit, ergänzenden Unterricht zu besuchen, um Grundkenntnisse in elementaren Fächern zu erlangen. Ein Mikrokredit-Projekt vermittelt Darlehen für den Aufbau von Handwerksgewerbebetrieben.

Der Apostolische Nuntius, Kardinal Mario Zenari, unterstrich in seiner Begegnung mit der Delegation, dass der Entscheidung der Kirchen, auch bedürftige Muslime zu unterstützen, eine große gesellschaftliche Bedeutung zukomme. Hilfe für diejenigen, die nicht der eigenen Religion angehören, zeige der muslimischen Bevölkerungsmehrheit das Wesen des Christentums und helfe, Vorurteile abzubauen. "Syrer aus allen Ethnien und Religionen sind Opfer der Gewalt geworden. Sie alle verdienen Hilfe", betonte der Kardinal. In den Gesprächen der deutsch-polnischen Gruppe mit den Bischöfen in Aleppo und Homs wurde zugleich auch der Unterstützungsbedarf der Kirchen in Syrien deutlich. "Die besondere Nähe zu den christlichen Brüdern und Schwestern und die universale Solidarität, ein unverwechselbares Markenzeichen des Christentums, schließen sich nicht aus, sondern ergänzen einander. Dies ist bereits in der Bibel grundgelegt und auch heute das Programm der Kirche", erläuterte Erzbischof Wojda. Zu den Gesprächspartnern der deutsch-polnischen Delegation gehörten Erzbischof Jean-Clèment Jeanbart, Erzbischof Boutros Marayati, Erzbischof Denys Antoine Chahda, Erzbischof Jean-Abdo Arbach und Kardinal Mario Zenari.

Die Situation der Kirche in Syrien ist durch eine hohe Dramatik gekennzeichnet. Einerseits sind die Christen dankbar, dass der "Islamische Staat" und andere djihadistische Gruppen inzwischen weitgehend besiegt sind. Andererseits leiden die Kirchen unter der massenhaften Vertreibung, Flucht und Auswanderung von Christen während der Kriegsjahre. Weil überproportional viele Christen das Land verlassen haben, sind sie in Syrien zu einer kleinen Minderheit geworden. So leben in der Metropole Aleppo von vormals 150.000 inzwischen nur noch 30.000 Christen - etwa zwei Prozent der Einwohner. Geblieben sind vor allem die sozial Schwächeren und die Alten. Dass außer Landes lebende Christen, von denen die meisten gut ausgebildet sind und der Mittelschicht angehören, nach Syrien zurückkehren werden, wird von vielen bezweifelt.

Die Erzbischöfe aus Deutschland und Polen konnten sich aber auch vom Glaubensmut der Kirche in Syrien überzeugen. Projekte der syrisch-katholischen Kirche (wie die Wiederherrichtung einer im Krieg teilzerstörten Schule) richten sich in besonderer Weise an die Jugend. Die Fokolare-Gruppe in Aleppo setzt sich aus Familien von Angestellten und christlichen Geschäftsleuten zusammen, die sich bewusst gegen eine Auswanderung entschieden haben. Mit großer Ehrfurcht verehren die Gläubigen Märtyrer wie den in einem Kloster in Homs ermordeten Pater Frans van der Lugt SJ, der die Möglichkeit zur Flucht ausschlug und bis zum Ende bei seinen bedrängten Glaubensgeschwistern aushielt. Erzbischof Schick und Erzbischof Wojda erwiesen diesem Glaubenszeugen mit einem Gebet an seinem Grab ihre Hochachtung. Von den syrischen Christen wird auch mit großer Anteilnahme das Andenken an die beiden am 22. April 2013 in Aleppo entführten und seither spurlos verschwundenen Erzbischöfe Mor Gregorius Yohanna Ibrahim und Boulos Yazigi gepflegt. "Die Standhaftigkeit der Glaubenszeugen richtet die Christen in Syrien auf. Sie macht den Gläubigen Mut und gibt ihnen Kraft. Die Märtyrer, von Alter her als Samen des Christentums bezeichnet, formen die Identität der Kirche in der Bedrängnis. Dies zeigt sich heute auch in Syrien", so Erzbischof Schick. Auch eine kleiner gewordene Kirche könne von großer Bedeutung für die syrische Gesellschaft sein. "Nicht die Größe ist entscheidend, sondern die kulturelle und soziale Prägekraft, die aus dem Glauben erwächst." Kardinal Zenari wies darauf hin, dass Syrien dieses christliche Zeugnis dringend brauche: "Der Aderlass der Christen ist nicht nur ein schrecklicher Verlust für die Kirche. Er ist ebenso ein Verlust für die gesellschaftliche Entwicklung in Syrien."

In den Gesprächen der Delegation wurde deutlich, dass sich eine politische und gesellschaftliche Erneuerung Syriens auch nach dem weitgehenden Ende der Kampfhandlungen nicht abzeichnet. Derzeit verfestige sich sogar die durch den Krieg vertiefte Zersplitterung des Landes. Die syrischen Bischöfe wiesen in diesem Zusammenhang vor allem auf die Verantwortung auswärtiger Mächte hin, die das Land weiterhin als Spielfeld ihrer widerstreitenden Interessen behandelten. In den Begegnungen wurde aber auch darüber diskutiert, wie Syrien aus eigener Kraft den Weg zu innerer Versöhnung und zu einer inklusiveren Gesellschaft finden könne, die allen ethnischen und religiösen Gruppen einen Platz bietet und die Freiheit aller stärkt.