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Bischof Chalupka bezieht im APA-Interview Stellung zu aktuellen Themen wie der Aufnahme von Flüchtlingen, der Coronakrise und zum jüngst ergangenen Urteil des VfGH zur Beihilfe zum Suizid.
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Bischof Michael Chalupka fordert von der Politik mehr Realitätssinn ein. „Ich würde mir erwarten, dass man Versäumnisse und Fehler auch eingesteht. Erst dann ist es möglich, das Vertrauen vonseiten der Bevölkerung wiederherzustellen“, sagt er in einem Interview mit der APA. Dies gelte sowohl für die Aufnahme von Flüchtlingen als auch den Umgang mit der Coronakrise und den Terroranschlag von Wien.

Was laut Chalupka Teile der Bevölkerung nicht verstehen, ist, dass Fehler „nicht benannt werden, analysiert werden und dass man stattdessen die Schuld bei anderen Sucht und auf Sündenböcke zielt. Ich denke, mehr Realitätssinn, nüchterne Analyse, Eingeständnis von eigenen Versäumnissen und Fehlern würde der Bundesregierung nur mehr Vertrauen und Seriosität vermitteln“, befindet Bischof Chalupka.

Dies betrifft auch jene „Elendslager“ für Flüchtlinge auf EU-Boden, „in denen Menschen dahinvegetieren, in denen Kinder am Boden schlafen, in denen Ratten Babys Verletzungen zufügen. Die Regierung hat uns gesagt, sie helfe vor Ort und es gäbe einen Pulleffekt. Beides ist nicht eingetreten. Das heißt, wir sind direkt dafür verantwortlich“, erinnert der Bischof. „Deswegen habe ich kein Verständnis dafür, dass unsere Bundesregierung darauf beharrt, niemand aus diesen Lagern zu evakuieren“.

Coronakrise: Öffentliches Trauergedenken

In der anhaltenden Coronakrise habe sich das Netzwerk der evangelischen Gemeinschaft bewährt, resümiert Chalupka. Eine Lehre für die Gesellschaft sei, „dass wir Räume brauchen, wo Gemeinschaft geübt wird, wo miteinander etwas gegen die Einsamkeit gesetzt wird“. Hoffnung setzt der evangelische Bischof daher in den von der Regierung angekündigten Pakt gegen Einsamkeit: „Wichtig ist, dass unmittelbar für die Zeit nach der Pandemie Nachbarschaftsprojekte geplant und finanziert werden.“ Noch eine weitere Lehre für die Gesellschaft zieht Chalupka aus der Pandemie: Viele Menschen seien in dieser Zeit einen „bitteren einsamen Tod“ durch Covid-19 gestorben. „Ich denke, wir sollten als gesamte Gesellschaft dieser Toten gedenken, ihre Namen nennen, an ihre Lebensgeschichten erinnern, bei ihren Angehörigen stehen in ihrer Trauer“, wünscht sich der Bischof „ein öffentliches Trauergedenken für die vielen Toten der Coronapandemie“ und deren Angehörige.

„Sich impfen zu lassen ist moralisch und ethisch geboten“

Keine Frage ist für Chalupka, dass er sich sofort – „wenn ich dran bin“ – impfen lassen wird. Gegner oder „Skeptiker“ erinnert er: „Wir erleben mit dieser Coronapandemie eine Zeit, wie wir sie in unserer Generation noch nicht erlebt haben. Wo auch die Erinnerung zu verblassen beginnt, dass Impfungen die Menschheit von schweren Krankheiten und auch epidemischen Phänomenen befreit haben.“ Es sei daher „moralisch und ethisch geboten“, sowohl zum eigenen Schutz als auch zum Schutz der anderen, sich impfen zu lassen.

Bei der Aufhebung der Strafbarkeit der Beihilfe zum Suizid durch den Verfassungsgerichtshof (VfGH) sieht der Bischof nun den Gesetzgeber gefordert. „Einer der wichtigsten Punkte ist, dass Ärztinnen und Ärzte nicht dazu verpflichtet werden können, Beihilfe zum Suizid zu leisten“, meint er. Zudem sollte dies auf Fälle von Kranken ohne Aussicht auf Heilung und Sterbenden beschränkt bleiben. Nicht zuletzt fordert Chalupka den flächendeckenden Ausbau der Palliativversorgung, denn: „Auch in der Phase des Sterbens ist das der beste Schutz gegen den Wunsch nach dem assistierten Suizid.“

Eine umfassende Fehleranalyse fordert Chalupka auch bei der Aufarbeitung des Terroranschlags von Wien – und das, bevor neue Maßnahmen gesetzt werden. „Die Frage ist aber, ob nicht auch die gesetzlichen Regelungen, Strafbestimmungen und Maßnahmen, die geherrscht haben, schon dazu führen hätten müssen, diesen Terroranschlag zu verhindern.“

Seit Beginn seiner Amtszeit strebt Chalupka einige Veränderungen an, die auch der fortschreitenden Säkularisierung geschuldet sind. So sollten sich die Gemeinden stärker vernetzen, Glaubensüberzeugung solle öffentlich gelebt werden. Zukunftsfähig müsse man auch im Klimaschutz werden, denn: „Die Evangelische Kirche ist auf dem Weg zu einem Konzept, klimaneutral zu werden.“ Nicht zuletzt gehe es um die Bewahrung der Schöpfung.