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Hans Leyendecker bei der Abschlussveranstaltung.
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Der Evangelische Kirchentag in Dortmund ging mit einem Festgottesdienst im BVB-Stadion zu Ende. An der Feier nahmen rund 32.000 Besucher und tausende ehrenamtliche Helfer bei hochsommerlichen Temperaturen teil; die Arena war somit zur Hälfte gefüllt. Der Kirchentag wurde mit insgesamt 8,6 Millionen Euro aus Steuermitteln subventioniert. Das sind knapp 72 Euro pro Besucher.

Die Westdeutsche Zeitung zieht Bilanz und sieht im Evangelischen Kirchentag eine "gigantische links-grün-bürgerliche Wohlfühlveranstaltung, streitarm, christlich-beseelt, moralisierend und vor allem auf Selbstvergewisserung bedacht“. Das pro Medienmagazin resümiert, dass es "fast gar nicht um Religion ging."

Hans Leyendecker, Präsident des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentags, sieht im Kirchentag eine "zutiefst konservative Veranstaltung", weil es ihm um Werte gehe - "konkret um die Werte, die wir der Bibel entnehmen".

„Vulven malen“ und „Schöner kommen“ als Themen des Kirchentags

Die Besucher konnten aus mehr als 2.000 Veranstaltungen ihr persönliches Programm zusammenstellen. In vielen Veranstaltungen ging es um die Bewahrung der Schöpfung und eine humane Flüchtlingspolitik. Einige Veranstaltungen sorgten allerdings für viel Spott und wenig Zustimmung.

Leyendecker verteidigte ein "Recht auf Exotik". "Ich verstehe ja journalistisch die Suche nach dem Abseitigen. Aber daraus eine Waffe zur Denunziation des ganzen Kirchentags zu machen, das halte ich für problematisch", sagte der frühere Ressortleiter der "Süddeutschen Zeitung" dem "Kölner Stadt-Anzeiger" in der Mittwoch-Ausgabe. Er bezog sich auf Kritik an einem Workshop mit dem Titel "Vulven-Malen". Es gehe darin um die Wertschätzung der eigenen Körperlichkeit.

"Was spricht dagegen, wenn 30, 50 Leute so eine Veranstaltung gut finden und da hingehen?", fragte Leyendecker. "Ich verteidige das Recht des Kirchentags auf Exotik, aber das Exotische allein steht nicht für den Kirchentag." Andere Veranstaltungen behandelten Themen wie "Schöner kommen. Zur Sexualität von Frauen" oder auch "Gottes Segen in der Transition (Geschlechtsumwandlung) spürbar erleben".

Deshalb sei der Kirchentag "aber doch keine Sexmesse", so der Präsident des Kirchentags.

Neben solchen Angeboten, gab es beim Evangelischen Kirchentag aber auch zahlreiche gute und tiefgründige Bibelarbeiten und Workshops. Zu den Referenten zählten Personen wie der Unternehmer Heinrich Deichmann, Margot Käßmann oder Politiker wie Armin Laschet (CDU) oder Katrin Göring-Eckardt (Grüne).

Kirchentag ohne Politiker der AfD

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, verteidigte zu Beginn des Kirchentages die Entscheidung, die AfD nicht nach Dortmund einzuladen. Der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte Bedford-Strohm im Interview: "Ich erwarte einen Klärungsprozess dazu, ob die AfD diese rechten Einstellungen als Teil ihrer Partei duldet oder sogar will, oder ob sie sich abgrenzt. Das steht noch aus."

Ihm sei es aber wichtig, mit Menschen, die AfD wählen oder sich in der Partei engagieren, im Gespräch zu sein, sagte der bayrische Landesbischof. Dazu brauche es jedoch einen Grundkonsens. "In der AfD gibt es Menschen, die sich als konservativ verstehen aber auch solche, die rechtsradikale Auffassungen vertreten und damit in diametralem Gegensatz zu christlichen Grundüberzeugungen stehen", erklärte Bedford-Strohm. Man könne nicht Christ sein und gleichzeitig Grundüberzeugungen vertreten, "die ganze Menschengruppen diffamieren, antisemitische und rassistische Einstellungen vertreten und Angst verbreiten". Konservative Positionen dürften nicht denen Deckung geben, die rechtsextreme Einstellungen vertreten.

Auch Präsident Hans Leyendecker bekräftigte die Entscheidung, auf dem Kirchentag keine Funktionäre der AfD zuzulassen. Im Licht der Europawahl habe sich seine Einschätzung hierzu eher noch bestätigt. "Ich glaube, inzwischen ist klar: Man kann Täter nicht zu Opfern machen. Die Radikalisierung der AfD ist weiter vorangeschritten. Zugleich verstärkt sich die Abwehr von Menschen, die sagen, 'nicht mit uns'. Und deshalb glaube ich, es war und ist richtig, die Dramatisierungslogik nicht weiter zu bedienen, sondern der AfD zu sagen: 'Schluss! Euren führenden Köpfen geben wir auf dem Kirchentag kein Podium.'" Mit Blick auf Leugner des Klimawandels in den Reihen der AfD sagte er: "Wir sind weder eine Clownfabrik noch eine Showbühne für Nationalisten, die von Systemveränderung reden und sagen, die Demokratie muss weg."

Volker Münz sieht im Kirchentag „die Intoleranz der Toleranten“

Volker Münz, der kirchenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag, kritisiert die Aussagen beider Kirchentags-Verantwortlichen:

"Die Erfahrungen, die mit AfD-Politikern auf bisherigen Kirchentagen zu machen waren, widersprechen den vorgeblichen Befürchtungen Leyendeckers und Bedford-Strohms. Weder konnte man der früheren Vorsitzenden der Bundesvereinigung 'Christen in der AfD', Anette Schultner, auf dem Evangelischen Kirchentag 2017 noch mir auf dem Katholikentag im letzten Jahr vorwerfen, die jeweiligen Podien für Hetze oder Propaganda genutzt zu haben.

Diese Erfahrungen und Diskussionen mit anderen AfD-Vertretern zeigen vielmehr: Diese diskutieren kontrovers, aber fair. Die Unterstellungen Leyendeckers und Bedford-Strohms grenzen an Verleumdungen und verstoßen gegen das Gebot, nicht falsch Zeugnis wider seinen Nächsten zu reden. Die Haltung des Kirchentagspräsidiums ist außerdem scheinheilig. Auf der einen Seite wird der Kirchentag von den Veranstaltern als Ort der Vielfalt und Toleranz, wo verschiedene Meinungen aufeinandertreffen sollen, bezeichnet. Auf der anderen Seite wird der Dialog mit Mitgliedern der größten Oppositionsfraktion im Deutschen Bundestag verweigert.

Hingegen bestehen zu Repräsentanten umstrittener Organisation wie dem türkisch-islamischen Moscheeverband DITIB, die in Comics für Kinder sogenannte Märtyrer verherrlicht hat, offenbar keine Berührungsängste.

Leyendecker, Bedford-Strohm und andere Verantwortliche missbrauchen den Kirchentag als Instrument im parteipolitischen Wettbewerb und entwerten ihn damit. Statt der gebetsmühlenartig geforderten Offenheit verweigert der Kirchentag selbst den Dialog, verschließt sich vor Kritik und macht aus dem Kirchentag eine Wagenburg zur Verteidigung der politischen Interessen der etablierten Parteien.

Der Kirchentag hat mit Kirche leider nicht mehr viel zu tun. Hier wird mehr der Zeitgeist als der Heilige Geist verherrlicht. Veranstaltungen wie 'Vulven malen' und 'Gottes Segen in der Transition (Geschlechtsumwandlung) spürbar erleben' sind einfach skandalös."

Kirchentag verabschiedet Resolution für Opfer religiöser Verfolgung

Ein Highlight war die Verabschiedung der Resolution "Mit interreligiösem Dialog Leben retten und Zukunftsperspektiven bauen - in Deutschland und im Nahen Osten!" der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Diese fordert vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Bundespolitik verstärkten Einsatz für religiöse Minderheiten im Nahen Osten.

"Mit dieser Resolution stellt sich der Kirchentag auf die Seite der Opfer religiöser Verfolgung", erklärt Lina Stotz, GfbV-Referentin für ethnische, religiöse und sprachliche Minderheiten und Nationalitäten. "Diesen deutlichen Handlungsappell auf einem so wichtigen und großen Forum wie dem Kirchentag dürfen Politik und Kirchen nicht überhören. Nun müssen Taten folgen, die religiöse Minderheiten aus dem Nahen Osten effektiv schützen."

Um das friedliche interreligiöse Miteinander im Nahen Osten zu fördern, müsse Deutschland die Beziehungen zwischen religiösen Gruppen und den Schutz von Minderheiten thematisch und finanziell stärker ins Zentrum von Entwicklungshilfe und Außenpolitik im Irak und Syrien stellen. "Wiederaufbau und Dialog sind dringend nötig, um Christen, Yeziden und anderen Minderheiten im Nahen Osten ein sicheres Zuhause zu bieten, in dem sie bleiben oder in das sie zurückkehren können", so Stotz. Solange das nicht gewährleistet sei, müsste Opfern von Verfolgung sichere Zuflucht in Deutschland geboten werden, in dem religiöse Vielfalt großgeschrieben wird. "Auch dürfen keine weiteren Rüstungsexporte an die Türkei erfolgen", ergänzt Lina Stotz. "Deutsche Waffen haben vor allem im syrisch-kurdischen Afrin viel zur Vertreibung und Verfolgung von Christen, Yeziden, Aramäern, Aleviten, Kurden und anderen Minderheiten beigetragen."

Neben der GfbV wurde die Resolution von Seiner Exzellenz Bischof Anba Damian, Diözesanbischof der Koptisch-Orthodoxen Kirche Norddeutschland sowie Ali Ertan Toprak, Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in Deutschland e.V. getragen. Ali Ertan Toprak verlas den Resolutionstext auf dem Kirchentag am 22. Juni im Rahmen der Veranstaltung "Wie politisch darf Religion sein? Visionen für die Gesellschaft".

Kirchentag in Dortmund geht zu Ende