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Beim Prseegespräch zur Programmpräsentation: Die Raumforscherin Gerlind Weber, der frühere EU-Politiker Hannes Sowoboda und der evangelische Superintendent Manfred Sauer.
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Dem Begriff der „Heimat“ widmen sich die diesjährigen Toleranzgespräche im Kärntner Bergdorf Fresach. Von 5. bis 8. Juni wird unter dem Leitmotto „Heimat Fremde Erde“ die Frage gestellt: „Wem gehört Europa?“ Die Veranstaltung mit Panels, Diskussionen und Referaten von internationalen ExpertInnen aus Wissenschaft, Kunst, Literatur, Wirtschaft und Kirchen will dabei ausloten, was Heimat bedeutet und welchen Bedrohungen und Veränderungen sie ausgesetzt ist.

Für den Kärntner Superintendenten Manfred Sauer – er ist Obmann des Veranstalters „Denk.Raum.Fresach“ – sind die Toleranzgespräche ein Modell, „Europa im Kleinen zu erproben“. Das „spannende Experiment“ geht heuer bereits ins fünfte Jahr, die ursprünglich „kühne und spektakuläre Idee“ habe Kreise weit über Fresach hinaus gezogen, bilanzierte der Superintendent bei der Programmpräsentation am Dienstagabend, 15. Jänner, in Wien. Der Begriff Heimat tangiere auch Menschenrechte, „in Zeiten, wo Grenzen dicht gemacht werden, wollen wir Fenster aufmachen und Türen öffnen“. Bei den Toleranzgesprächen gehe es auch darum, Themen aus anderer Perspektive zu betrachten. Wichtig ist Sauer dabei der Dialog, denn „Dialog verändert die eigene Haltung“.

Dazu dient in Fresach etwa das Bürgerforum, mittlerweile fixer Bestandteil der Toleranzgespräche. „Der Dialog mit den Bürgern vor Ort ist uns wichtig, wir wollen kein zweites Alpbach werden“, meinte Hannes Swoboda, Präsident des Kuratoriums der Europäischen Toleranzgespräche. Grenzen nach außen seien noch nachvollziehbar, „aber dass jenen, die schon hier sind, Möglichkeiten der Integration genommen werden, ist unverständlich“, so der langjährige Europapolitiker. Die Toleranzgespräche seien zudem ein Versuch, ländliche Regionen zu stärken. Dabei gehe es nicht darum, „Stadt und Land gleich zu machen, sondern um Gleichwertigkeit“.

Eine Lanze für den ländlichen Raum brach die Raumwissenschafterin Gerlind Weber, die sich intensiv mit schrumpfenden Regionen befasst. Zukunftsbewältigung könne ohne den ländlichen Raum nicht gelingen, ist Weber überzeugt. Wenn derzeit jede dritte Kalorie in Österreich importiert werde, helfe der ländliche Raum, die Abhängigkeit vom Ausland zu reduzieren. Auch die dringend notwendige Energiewende und Maßnahmen gegen den Klimawandel erfordern einen intakten ländlichen Raum.

Dass es bei der Frage, wem Europa gehöre, vor allem um Machtverhältnisse gehe, betonte Helmuth Niederle, Präsident des PEN-Club-Austria. Er sprach sich für koordinierte Zuwanderung aus. „Die einen ertrinken im Mittelmeer, die andern geben verlassene Dörfer auf, eine zynische Situation, die vermeidbar wäre“, sagte Niederle.

Die integrative Kraft des Tourismus hob Harald Hafner, Präsident des Travel Industry Club, hervor. Tourismus unterstütze den Austausch zwischen Menschen, fördere das Verständnis und die Akzeptanz. Authentizität sei dabei wichtig, sonst entstehe „Disneyland“. Diese Authentizität zu erleben, gelinge in Fresach, unterstrich Hafner und appellierte gleichzeitig an seine Branche, „gute Gastgeber zu sein“.

Zu den Vortragenden und DiskussionsteilnehmerInnen zählen in diesem Jahr u.a. der Wirtschaftsjournalist und ehemalige Chefredakteur des deutschen Handelsblatts, Hans-Jürgen Jakobs, der Kulturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk, die Sozialwissenschaftlerin und Aktivistin Brigitte Kratzwald und Hans Rauscher, Kolumnist der Tageszeitung „Der Standard“.

Eröffnet werden die Toleranzgespräche am Mittwoch, 5. Juni in Villach, wo ein Symposium für Jugendliche sowie ein Tourismusforum stattfinden. Letzteres will touristische Zukunftsszenarien und Konfliktpotenziale  durchdenken, die gesteigerter Tourismus mit sich bringt. Menschenrechte bilden den thematischen Schwerpunkt am 6. Juni im Fresacher Toleranzzentrum: Hier wird zudem nach der Identität des Abendlandes gesucht, der Zustand Europas nach dem – wahrscheinlichen – Brexit analysiert und an einer „Fresacher Regionen-Charta“ gearbeitet. Darin sollen Stimmen aus einem Bürgerdialog am Fresacher Museumsplatz eingehen.  Der UnternehmerInnentag am 7. Juni geht auf demographische Veränderungen der Gesellschaft und Chancen der Digitalisierung ein. Am Abend präsentieren beim Wettbewerb „Steh auf Villach“ Start-Ups und GründerInnen Ihre Ideen dem Publikum. Mit der Verleihung der Fresacher Toleranzpreise enden die Toleranzgespräche am Samstag, 8. Juni.

Die Europäischen Toleranzgespräche in Fresach finden seit 2015 jährlich zu Pfingsten statt. Veranstaltet werden sie vom „Denk.Raum.Fresach“, der sich als „interdisziplinäre Plattform für Kultur, Politik und Wirtschaft“ versteht. Kooperationspartner sind unter anderem die Evangelische Kirche, der P.E.N.-Club Austria, das Bundeskanzleramt, die Stadt Villach oder die Universitäten in Klagenfurt und Krems. Im Dezember 2017 wurde der „Denk.Raum.Fresach“ für die Durchführung der Toleranzgespräche mit dem Kärntner Menschenrechtspreis ausgezeichnet.