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Eine stabile Tür rettete Dutzenden Menschen in der Synagoge das Leben.
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Ein schwerbewaffneter Rechtsextremist hat versucht, am Großen Versöhnungstag, dem höchsten jüdischen Feiertag Yom Kippur, ein Blutbad in einer Synagoge in der Stadt Halle (Saale) anzurichten. Der 27-jährige Stephan B. aus dem ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt scheiterte laut Sicherheitskreisen am Mittwochmittag beim Versuch eine Synagoge mit Waffengewalt zu stürmen. Anschließend erschoss der Deutsche vor der Synagoge und in der Nähe eines Döner-Imbiss zwei Menschen und verletzte zwei weitere Personen. Auch in Landsberg, rund 15 Kilometer östlich von Halle, gab es Schüsse. Vom Anschlag veröffentlichte er zuvor ein 35-minütiges Video im Internet. Nach seiner Flucht bestätigte die Polizei die Festnahme des mutmaßlichen Schützen. „Die festgenommene Person ist der Tatverdächtige“, so ein Polizeisprecher am Mittwochabend. Der Mann wurde verletzt und „versorgt“, so der Sprecher.

Das Wunder am Yom Kippur

Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagte am Abend gegenüber Medien: „Die Brutalität des Angriffs übersteigt alles bisher Dagewesene der vergangenen Jahre und ist für alle Juden in Deutschland ein tiefer Schock.“ Er erhob zudem schwere Vorwürfe gegen die Polizei. „Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Yom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös.“ Er fügte hinzu: „Wie durch ein Wunder ist nicht noch mehr Unheil geschehen.“

„Es war ein Wunder, dass er es nicht durch die Tür schaffte“, so Augenzeugen aus der Synagoge in Halle in einem Video, in welchem sie berichten wie sie den Anschlag erlebt haben.

Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle sagte: „Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen“, so Privorozki im Gespräch mit der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“. „Aber unsere Türen haben gehalten.“

US-Botschafter Richard Grenell teilte mir, dass sich zum Zeitpunkt des Anschlags zehn Amerikaner in der Synagoge aufhielten.„Alle sind sicher und unverletzt“, so Grenell auf Twitter.

Der Angriff auf eine Synagoge habe Parallelen zum Anschlag im neuseeländischen Christchurch im vergangenen März, so Justizministerin Lambrecht.

Kirchenvertreter entsetzt über antisemitische Angriffe

„Ich bin entsetzt und erschüttert über den feigen Anschlag von Halle. Unser Mitgefühl gilt den Todesopfern, ihren Angehörigen und den Verletzten. Die Täter hatten offensichtlich gezielt die Synagoge von Halle ausgesucht, um am höchsten jüdischen Feiertag Blut zu vergießen. Wir stehen solidarisch an der Seite der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Antisemitismus oder gar blinde Gewalt dürfen keinen Platz in unserer Gesellschaft haben. Wir sind den Juden in unserem Land, unseren Schwestern und Brüdern, gerade in diesen Stunden eng im Gebet verbunden.", betonte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx.

Deutsche Kirchenvertreter meldeten sich am Mittwoch unmittelbar nach den Vorfällen zu Wort: „Ich bin entsetzt und fassungslos angesichts dieser Gräueltat. Mein Mitgefühl ist bei den Familien der Opfer, die ich in meine Gebete mit einschließe. Und ich denke an unsere jüdischen Brüder und Schwestern, die heute ihr höchstes Fest, das Versöhnungsfest, feiern. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie in unserem Land ihren Glauben in Angst und Unsicherheit leben müssen. Als Christen wie als Deutsche sind wir aufgerufen, uns dem entgegenzustellen. Denn Antisemitismus ist Gotteslästerung“, erklärte etwa der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm.

Mit Entsetzen reagierten auch Vertreter österreichischer Kirchen auf den Angriff auf eine Synagoge im deutschen Halle an der Saale reagiert, bei dem zwei Menschen getötet wurden: „Am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, müssen betende Jüdinnen und Juden in Angst und Schrecken in ihrer Synagoge verharren anstatt sich dem Gebet und dem Gedenken der Versöhnung ganz hingeben zu können“, schreibt der Vorsitzende des Ökumenischen Rats der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Thomas Hennefeld, in einer Aussendung. Er sei mit seinen Gebeten bei den Familien der Toten. Zugleich fordert Hennefeld ein entschlossenes Vorgehen der Politik und der Behörden gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus. Die Exekutive in Österreich müsse „dafür sorgen, dass Jüdinnen und Juden, ohne solche Schreckenstaten fürchten zu müssen, in ihren Synagogen beten und ihre Gottesdienste feiern können“. Die Kirchen stünden „für ein friedliches Miteinander der Religionen und Kulturen in unserem Land und in Europa“. Auf Facebook schrieb der evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka: „Angesichts des antisemitisch motivierten Verbrechens in Halle an der Saale sind die Religionsgemeinschaften und alle demokratischen Kräfte aufgerufen, der Verrohung der Sprache und der Herzen, die solchen Taten vorausgeht, entgegenzutreten.“ Seine Gebete gelten nun den Opfern. Ebenfalls auf Facebook schrieb der Salzburger und Tiroler Superintendent Olivier Dantine: „Das ist ein Angriff auf Jüdinnen und Juden insgesamt.“ „Antisemitismus, der nie verschwunden ist und hier wieder in seiner Bestialität aufgebrochen ist, geht uns alle an!“

Reaktionen aus Deutschland

Angela Merkel sprach den Angehörigen der Opfer ihr tiefes Beileid aus. Regierungssprecher Steffen Seibert twitterte, die Kanzlerin habe mit Seehofer und Haselhoff gesprochen: „Die Solidarität gelte allen Jüdinnen und Juden am Feiertag Yom Kippur.“ Die Bundeskanzlerin besuchte am Abend die Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin. „Wir müssen uns geschlossen jeder Form von Antisemitismus entgegenstellen“, so Merkel. „Osse schalom bimromaw“, sang die Kanzlerin mit Juden in Berlin. „Der Frieden schafft in seinen Höhen, er schaffe Frieden über uns und über ganz Israel. Darauf sprecht: Amen.“ So endet das Kaddisch-Gebet, mit welchem Juden Verstorbene gedenken.

Auch Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief zu Solidarität mit der jüdischen Bevölkerung in Deutschland auf. In Halle sei etwas passiert, was in Deutschland unvorstellbar zu sein schien, so Steinmeier bei einem Lichtfest in Leipzig. „In einem Land mit dieser Geschichte“. „Das war mir unvorstellbar“, so Steinmeier sichtlich bestürzt. „Lassen Sie uns Solidarität zeigen mit den jüdischen Menschen in diesem Land“, so Steinmeier unter dem Beifall von mehreren tausend Menschen.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zeigte sich ebenfalls tief betroffen: „Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land.“

Die Deutsche Justizministerin Christine Lambrecht betonte ebenso wie Innenminister Horst Seehofer, dass Deutschland seine "jüdischen Mitbürger besser schützen" müsse. Der deutsche Verfassungsschutz und das BKA sollten deutlich mehr Personal erhalten.

Internationale Bestürzung nach Anschlag

Auch im Ausland gibt es zahlreiche Reaktionen auf den rechtsextremen Anschlag. So legte das Europaparlament eine Schweigeminute für die Opfer ein. „In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland“, so Parlamentspräsident David Sassoli.

UN-Generalsekretär António Guterres sieht in den Geschehnissen „eine weitere tragische Demonstration von Antisemitismus“, so ein UN-Sprecher in New York. AfD-Fraktionschefin Alice Weidel twitterte: „Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien.“

„Tief betroffen“ zeigten sich auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein und Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka. ÖVP-Chef Sebastian Kurz stellte klar, dass es keinen Platz für Antisemitismus geben darf und jüdisches Leben geschützt werden muss.

afd verurteilt antisemtische Terroranschläge in Halle

Die Fraktionsvorsitzenden der AfD im Deutschen Bundestag verurteilen den antisemitischen Terroranschlag in Halle und weisen Versuche zurück, das Verbrechen tagespolitisch zu instrumentalisieren.

Der Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland erklärt: "Wir sind erschüttert über dieses monströse Verbrechen. Wir trauern mit den Angehörigen um die Ermordeten und wünschen den Verletzten rasche und vollständige Genesung. Unsere Anteilnahme und uneingeschränkte Solidarität gilt insbesondere der jüdischen Gemeinde in Halle und der jüdischen Gemeinschaft in ganz Deutschland. Antisemitischer Terror und extremistische Gewalt müssen konsequent bekämpft und hart bestraft werden, egal aus welcher Richtung und Gesinnung sie kommen. Das ist die Aufgabe der Politik, in der wir uns mit allen demokratischen Kräften vereint sehen. Versuche, den Terroranschlag und das von ihm verursachte Leid tagespolitisch zu instrumentalisieren, sind infam und werden dem Ernst der Lage nicht gerecht."

Die Fraktionsvorsitzende Alice Weidel sagt hierzu: "Der Terroranschlag ist ein Angriff auf die Grundfesten unseres demokratischen Gemeinwesens. Die AfD-Bundestagsfraktion verurteilt diese verbrecherische Tat und steht ohne Wenn und Aber an der Seite unserer jüdischen Mitbürger. Rechtsstaat und Polizei müssen gestärkt werden, um rechtsextremen, linksextremen und islamistischen Antisemitismus und politische Gewalt zu bekämpfen. Dafür stehen wir, und das sollte für alle Demokraten eine Selbstverständlichkeit sein. Wir weisen die Instrumentalisierungsversuche des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann, des SPD-Vorsitzkandidaten Karl Lauterbach und anderer Politiker, die der AfD eine 'Mitschuld' an dem Terrorakt von Halle unterstellen wollen, entschieden und aufs schärfste zurück. Wer dieses entsetzliche Verbrechen missbraucht, um die politische Konkurrenz mit haltlosen Diffamierungen zu verleumden, der spaltet die Gesellschaft und schwächt das demokratische Fundament, auf dem wir stehen."

Die Vorsitzende der Juden in der AfD, Dr. Vera Kosova, zum antisemitischen Anschlag in Halle: "Der Schock sitzt tief. Ja, wir sind sprachlos. Das abscheuliche und menschenverachtende Verbrechen in Halle erschüttert uns. Purer Hass und Gewalt schlagen uns entgegen beim Anblick dieser Bilder. Das hilflose "Warum" hallt in unseren Köpfen. Wir suchen nach Antworten und finden keine. Und auch diesmal waren es die Sicherheitszäune, die das Schlimmste für die Juden in Deutschland verhindern konnten. Wir - die jüdischen Deutschen - werden diese Zäune so schnell nicht wieder los. Sie sind Ausdruck einer politischen und gesellschaftlichen Hilflosigkeit. In einer Gesellschaft mit einer freiheitlich demokratischen Grundordnung gibt es keinen Platz für Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien. Beten wir gemeinsam darum, dass wir uns nicht dazu verleiten lassen, gegen den auf uns gerichteten Hass ebenfalls mit Hass zu reagieren. Wir brauchen Gottes Hilfe, aber auch unseren klaren, wachen Verstand, der es uns ermöglicht, diese gesamtgesellschaftliche Belastungsprobe zu überstehen."

Versagen im Kampf gegen Antisemitismus

Ariel Muzicant, Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), sieht angesichts der Schüsse in Halle indes ein gesellschaftliches Versagen im Kampf gegen Antisemitismus.

Der ehemalige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien sieht im Gespräch mit der Österreichischen Tageszeitung "Die Presse" eine Mitverantwortung für die jüngste Tat bei all jenen, die rechtsextremes Gedankengut verbreiten: "In Deutschland die AfD, in Österreich einige Herrschaften in der FPÖ, Burschenschafter, die Identitären."

"Wir haben das vorausgesehen, und wir haben es vorausgesagt. Alle Versuche, das auf einen Einzeltäter zu reduzieren, sind falsch. Der Täter in Halle ist nicht als Antisemit auf die Welt gekommen. Er hat seine Ideologie und Gesinnung in einem Umfeld erworben. Wir beobachten die Situation seit Monaten, wenn nicht Jahren mit großer Sorge, sei das in Deutschland, sei das in Österreich, sei das in anderen Ländern", so Ariel Muzicant.

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