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Jüdischer Mann feiert Simchat Torah. Dieser jüdischer Feiertag markiert den Abschluss des jährlichen Torah Lesezyklus.
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Nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern auch innerkirchlich bleibt der Einsatz gegen jede Form von Antisemistismus eine bleibende Aufgabe. Das betonte der Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Prof. Martin Jäggle, in einem Interview in der aktuellen Ausgabe der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag". Antisemitische Argumentationsmuster würden gesellschaftlich und politisch viel zu sehr toleriert und als "Es war nicht antisemitisch gemeint!" legitimiert, kritisierte der Theologe.

Die katholische Kirche im Besonderen sollte sich vor allem von zwei Fragestellungen leiten lassen: "Bestimmt Wertschätzung des jüdischen Volkes und des Ersten Testaments durchgehend ihre Verkündigung? Werden für judenfeindliche Agitation missbrauchte Texte des Neuen Testaments angemessen interpretiert? Sonst gedeihen unbedacht antisemitische Vorurteile."

Jäggle würdigte im "Sonntag"-Interview auch das jüdische Dokument "Zwischen Jerusalem und Rom". Dieses erste gemeinsame Dokument der wichtigsten orthodoxen jüdischen Institutionen anerkennt die durch Konzilsdokument "Nostra aetate" (1965) begonnene Umkehr der katholischen Kirche und würdige diese in außergewöhnlicher Weise, so Jäggle: Katholiken würden als Partner, enge Verbündete, Freunde und Brüder geschätzt. "Das festigt den Dialog", der bestimmt sei vom gemeinsamen Streben nach einer besseren Welt, die durch Frieden, soziale Gerechtigkeit und Sicherheit gekennzeichnet sei.

Erste offizielle Antwort auf "Nostra aetate"

Hinter dem Dokument "Zwischen Jerusalem und Rom" stehen Vertreter der europäischen Rabbinerkonferenz, des Oberrabbinats in Israel und der orthodoxen Rabbiner in den USA. Den Vorsitz der Autorenkommission hatte der Wiener Oberrabbiner Arie Folger inne. Das Dokument, das Anfang September in Rom Papst Franziskus überreicht wurde, gilt als erste offizielle Antwort von rabbinischen Organisationen zum Konzilsdokument "Nostra aetate". Am vergangenen Nationalfeiertag überreichte Oberrabbiner Folger bei einer Feierstunde offiziell ein Exemplar von "Zwischen Jerusalem und Rom" an Kardinal Christoph Schönborn.

"Wir wollen nicht nur nett übereinander reden, sondern wir hoffen auf vertiefte Zusammenarbeit in jenen Gebieten, wo wir gemeinsame Interessen haben", sagte der Wiener Oberrabbiner beim Festakt. "Zwischen Jerusalem und Rom" sei ein Arbeitsauftrag, der beide Seiten verpflichte, über Worte hinauszugehen und Taten folgen zu lassen, unterstrich Kardinal Schönborn. Es seit Zeit für ein "Miteinander in geachteter Verschiedenheit".

Prof. Jäggle unterstrich im "Sonntag"-Interview die Bedeutung von "Nostra aetate" für den christlich-jüdischen Dialog. Bis "Nostra aetate" sei Verhältnis der Kirche zum Judentum antijüdisch geprägt gewesen, "bestimmt von Abwertung und Ausgrenzung", so der Theologe: "Die darin begründete Judenfeindschaft hatte dramatische geschichtliche Folgen für das jüdische Volk und ist ein Verrat am Evangelium." In dieser Situation habe "Nostra aetate" zwei Jahrzehnte nach der Shoa wie eine Tür gewirkt, so Jäggle: "Durch sie wurde der Kirche ein neuer Weg in ihrem Verhältnis zum Judentum und zu ihrer eigenen Erneuerung eröffnet."

"Von Abba bis Zorn Gottes"

Der Präsident des Koordinierungsausschusses verwies im Interview weiters auf das 2017 erschienene Buch "Von Abba bis Zorn Gottes. Irrtümer aufklären - das Judentum verstehen". Eine internationale Gruppe von 34 jüdischen und christlichen Wissenschaftlern hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Irrtümer über das Judentum allgemein verständlich aufzuklären. Das Buch trage zur notwendigen Erneuerung der Kirche bei, so Jäggle, der selbst zu den Autoren gehört.

Vorgestellt wurde das Buch dieser Tage in Wien. Dabei unterstrich der deutsche Theologe und Herausgeber Norbert Reck die äußerst positive Entwicklung des christlich-jüdischen Verhältnisses in den vergangenen 50 Jahren - bei allen Unterschieden, die man nie aufgeben werde. Zwar habe es immer wieder Irritationen gegeben, aber die persönlichen Kontakte seien inzwischen so vertrauensvoll, dass man solche Krisen überwinden konnte. In den Gemeinden sei diese neue positive Verhältnis aber noch nicht immer in gleicher Weise angekommen, räumte Reck ein. Das liegt seiner Einschätzung nach daran, dass die dort engagierten Menschen zwar mit großem Eifer tätig, aber nicht über den neuesten Stand der Forschung informiert seien. Ähnliches gelte auch für Religionslehrer. Mit dem neuen Buch wolle man deshalb gegen antijudaistische Vorurteile angehen.

Wobei es Reck wichtig ist, dass zwischen Antijudaismus und Antisemitismus zu unterscheiden. "Gegen Antisemitismus kann man mit rationalen Argumenten nichts ausrichten."

Jesus achtete Lehre der Pharisäer

Der ehemalige Geschäftsführer des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Markus Himmelbauer, erinnerte bei der Buchpräsentation an den evangelischen Theologen Gerhard Kittel. Dieser habe ein Wörterbuch zum Neuen Testament geschrieben und war gleichzeitig NSDAP-Mitglied. Als solches habe er auch Theologie betrieben und die Juden, zum Beispiel die Pharisäer, absichtlich in einem schlechten Licht dargestellt. Dass Jesus im Matthäusevangelium sagt, dass alles, was die Pharisäer lehren, in Ordnung sei, habe hingegen keine Wirkungsgeschichte entfaltet.

Aus Österreich haben an dem Buch neben Jäggle und Himmelbauer auch noch die Pastoraltheologin Regina Polak und Willy Weisz, jüdischer Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, mitgewirkt.