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Geschäftsführerin des IMABE-Instituts, Kummer, warnt vor "internalisierter Fremdbestimmung" bei Entscheidung, sein Leben zu beenden - Suizid nun nicht mehr nur laut WHO "Tragödie", sondern "richtig", sofern "selbstbestimmt".
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<p>Die durch das Urteil des Verfassungsgerichtshofes (VfGH) angefachte Debatte über assistierten Suizid verläuft oft "realitätsfremd"; man müsste das "Pathos der Selbstbestimmung abkratzen". Wie die Ethikerin beim IMABE-Institut, Susanne Kummer, am Donnerstagabend im Rahmen der "Salzburger Bioethik-Dialoge" darlegte, sei es ein verklärtes Bild vom Menschen, dass er unabhängig von anderen lebt und entscheidet. Gerade in Krisensituationen ließen viele "internalisierte Fremdbestimmung" erkennen, erklärte Kummer. Das bedeute etwa für die am meisten suizidgefährdete Gruppe der "65+", dass sie sich als Kostenfaktor und nur noch als Last für andere empfinde.

Die Ethikerin befürchtet, dass durch den VfGH-Entscheid, das Verbot der Beihilfe zur Selbsttötung aufzuheben, eine Entwicklung wie in anderen Ländern mit Liberalisierungen bei der Suizidbeihilfe in Gang gesetzt wird. Der Gesetzgeber sei nun gefordert, den Schutz von vulnerablen Personen in Österreich möglichst hochzuhalten. Aber, so fürchtet Kummer: "Der Hang ist im Rutschen."

Die Geschäftsführerin des "Instituts für Medizinische Anthropologie und Bioethik" (IMABE) äußerte sich in einem Webinar zum Thema "VfGH-Urteil - ein ethischer Kulturbruch?". Ihre Ausführungen bildeten den Auftakt der Reihe "Salzburger Bioethik-Dialoge", mit der das "Salzburger Ärzteforum für das Leben" verschiedene Aspekte der Sterbehilfe-Debatte beleuchtet - nach dem ethischen auch juristische, medizinische und psychiatrisch-/psychotherapeutische. Den Abschluss bildet das Online-Symposium "Sterbehilfe - Quo vadis Austria?" am 30. April 2021.

Suizid keine "Tragödie" mehr?

Susanne Kummer ortet eine "tektonische Werteverschiebung" - die staatlich anerkannte Option des Suizids sei auch ein Werturteil über das Leben insgesamt. Bisher habe man darauf Vertrauen können, dass in Krisen die Gemeinschaft Partei für den Erhalt des Lebens ergreift; nun nicht mehr, sagte die Ethikerin. Wenn die Weltgesundheitsorganisation WHO noch 2014 Suizid als "Tragödie" einstufte, so reihe sich Österreich nun unter Länder wie die Niederlande, Belgien oder die Schweiz ein, wo gilt: Suizid kann richtig sein, sofern er "selbstbestimmt" ist - bei aller Problematik dieses Begriffs.

Selbstbestimmung sei immer als Zugewinn an Freiheit verstanden worden, jetzt legitimiere sie auch Selbstvernichtung, wies Kummer hin. Sie sieht darin eine Entwicklung in Richtung Entsolidarisierung: "Wer die Hand zur Tötung reicht, verlässt verzweifelte Menschen auf unmenschliche Weise." Und ein Staat, der dies legitimiert, entbinde von der grundsätzlichen Beistandspflicht zur Erhaltung des Lebens.

Begünstigt wird dies nach den Worten der Expertin durch Faktoren wie Überalterung und zunehmende Atomisierung bzw. Einsamkeit. Wenn im Zusammenhang mit einer staatlichen Pflegeoffensive von einer neuen "Sorgekultur" die Rede sei, könne sie dies - so Kummer - mit erleichterter Sterbehilfe nicht vereinbaren. Wenn sich eine gebrechliche, pflegebedürftige Frau die Beendigung ihres Lebens erwägt, weil sie sich als Belastung für ihre Angehörigen empfindet, wünscht sich Kummer möglichst breiten Konsens darüber, dass diese Bedenken mit liebevoller Zuwendung ausgeräumt statt mit Hinweisen auf Sterbehilfeorganisationen bestärkt werden.

Wo Liberalisierung, dort mehr Suizide

Fakten über die Zunahme an Suiziden in Ländern, wo die Beihilfe dazu erlaubt wurde, ließen jedoch eine ähnliche Entwicklung auch in Österreich befürchten. Kummer nannte das Beispiel Schweiz: Dort gebe es gemessen an der Bevölkerungszahl eine mit Österreich vergleichbare Zahl an "normalen" Suiziden von mehr als 1.000 Fällen pro Jahr. Im westlichen Nachbarland kamen zuletzt dazu noch rund 1.200 assistierte Suizide hinzu, informierte die Ethikerin. In ausnahmslos allen Staaten nehme die Gesamtzahl im Vergleich zur Zeitspanne vor der gesetzlichen Erlaubnis der Beihilfe zu. Es komme zu einem "Angebot für jene, die sonst keinen Suizid begangen hätten".

In Österreich liege die Zahl der jährlichen Selbsttötungen derzeit über jener der Verkehrstoten, sagte Kummer. Mit der jüngst kolportierten Maßnahme, notorischen Rasern ihr Auto wegzunehmen, setze man beim Verkehr auf Prävention. "Warum nicht auch bei Suizid?", fragte die Ethikerin.