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Jens Kühne: "Mein Anliegen ist es, die Botschaft der Bibel allen daran Interessierten 'nahe' zu bringen."
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Der deutsche Theologe Jens Kühne erklärt in einem Interview mit Tabea Maria Hänsel, warum es eine „Duale Bibelübersetzung“ (DBÜ) braucht, wie sogenannte Übersetzungsfehler passieren und warum es wichtig ist, sich mit dem Wort Gottes zu beschäftigen. Auf theologie-aktuell.de bis dato zu finden: Drei DBÜ-übersetzte Briefe, zwölf theologische Artikel und Antworten auf 37 Glaubensfragen.  

GLAUBE.at Was hat Sie bewegt, theologie-aktuell.de ins Leben zu rufen?

Jens Kühne Im Lauf der Jahre wuchs eine größere Anzahl an Artikeln und Ausarbeitungen, die auf meiner Festplatte lagerten. Sie entstanden teilweise während meines Theologiestudium, teilweise im Rahmen meiner Gemeindearbeit. Außerdem begann ich – ursprünglich für eine Predigtreihe durch den Epheserbrief – mit einer eigenen Bibelübersetzung. Ich suchte nach einer Plattform, um die gesammelten Arbeiten möglichst vielen Menschen zur Verfügung zu stellen. So entstand am 01.01.2019 „theologie-aktuell.de“.


GLAUBE.at Sie beschreiben die Duale Bibelübersetzung als eine wörtliche Übersetzung („WÜ“, linke Spalte) und eine sinngemäße Übersetzung („SÜ“, rechte Spalte). Ist das in einem Theologiestudium so üblich? Warum entschieden Sie sich für diese Vorgehensweise?

Jens Kühne Nein, üblich kann man nicht unbedingt sagen. Für mich ist es ein Stilmittel, um dem Leser der SÜ zu verdeutlichen, dass der Text     nicht einer mehr oder weniger phantasievollen Interpretation entspringt, sondern im ursprünglichen Text verankert ist. Der gedankliche Sprung von der WÜ zur SÜ wird über die Fußnoten dem interessierten Leser transparent offengelegt – das habe ich in dieser Form noch nirgends gesehen.


GLAUBE.at Was ist Ihre primäre Zielgruppe?

Jens Kühne Mein Anliegen ist es, die Botschaft der Bibel allen daran Interessierten „nahe“ zu bringen. Für viele ist die Bibel ein Buch mit 7 Siegeln. Immer wieder treffe ich auf Menschen, die meinen, nur „Experten“ könnten sich an die Auslegung der Bibel wagen. Andere sehen, wie die Bibel immer wieder instrumentalisiert wurde, um alle möglichen und unmöglichen Aussagen zu untermauern – und schütten das Kind mit dem Bad aus indem sie der Bibel misstrauen anstatt nur den falschen Umgang mit ihr zu kritisieren. Ich möchte, dass sowohl „Einsteiger“ als auch fortgeschrittene Theologen brauchbares Material auf theologie-aktuell.de finden und die Bibel besser kennenlernen.


GLAUBE.at Wie schnell werden weitere DBÜ-übersetzte Bücher folgen?

Jens Kühne Ich habe ca. neun Monate gebraucht, um den Epheser-, den Kolosser- und den Jakobusbrief zu übersetzen. Das waren 358 Verse. Mit diesem Tempo bräuchte ich noch 16 Jahre für das ganze Neue Testament. Mein Horizont reicht erstmal bis zur vollständigen Übersetzung der Briefe – ohne Evangelien und Apostelgeschichte bin ich dann noch locker 6 Jahre beschäftigt…


GLAUBE.at Braucht es eine weitere Interpretation der Bibel, wo es im deutschsprachigen Raum schon so viele unterschiedliche Übersetzungen gibt? Was macht die Duale Bibelübersetzung einzigartig?

Jens Kühne Es stimmt: Deutschsprachige Leser haben eine phantastische Auswahl an guten Bibelübersetzungen. Die Frage ist also durchaus berechtigt. Wer verschiedene Übersetzungen miteinander vergleicht findet erstmal Unterschiede, die nicht leicht zu erklären sind. Nehmen wir ein Beispiel: in Epheser 4,26b steht „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“ (Luther) Viele würden diesen Vers vielleicht so verstehen, dass diesem Gebot dadurch Rechnung getragen wird, dass man nach einer Auseinandersetzung ein paar Mal tief Luft holt und abends ohne Grummeln zu Bett geht. Die „Hoffnung für alle“ übersetzt: „Lasst die Sonne nicht untergehen, ohne dass ihr einander vergeben habt.“ Hier liegt der Schwerpunkt also auf etwas Konkretem: Es geht nicht um Entspannungsübungen vor dem Schlafengehen, sondern um Vergebung. Die „Gute Nachricht“ geht noch einen Schritt weiter. Sie übersetzt: „Versöhnt euch wieder und lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ Hier werde ich also aufgefordert, die Versöhnung aktiv zu suchen. Welchen Text nehme ich jetzt für eine Andacht oder eine Predigt? Einige Prediger tendieren dazu, den wörtlicheren Übersetzungen (Luther, Elberfelder) einen Vorzug zu geben und unterstellen den sogenannten „Übertragungen“, dass sie etwas hineininterpretiert hätten. Andere suchen sich die Übersetzung aus, die zu ihrem Predigtthema am besten passt – auch das ist nicht unproblematisch.

Die Frage ist doch: Was hat Paulus gemeint? Eine Antwort findet man in guten Kommentaren – aber wer hat diese schon zur Hand? Hier kommt das besondere an der DBÜ zur Geltung: die linke Spalte gibt als Ausgangspunkt eine sehr wörtliche Übersetzung; die Fußnoten enthalten Erklärungen für einzelne Wörter oder grammatikalischen Besonderheiten sowie Hinweise auf weiterführende Kommentare. Die rechte Spalte gibt als eine Art Ergebnis den umformulierten Vers so wieder, dass uns der Sinn auch im 21. Jahrhundert verständlich erscheint. Wie ist jetzt Epheser 4,26 zu verstehen? Einfach mal in der DBÜ nachschauen... und es wird hoffentlich deutlich, dass die oben erwähnten „Übertragungen“ eine gute und theologisch verantwortbare Arbeit geleistet und dem ursprünglichen Text keine Bedeutung hinzugedichtet haben. Die Möglichkeit dies „auf einen Blick“ nachvollziehen zu können gibt der DBÜ ihren Mehrwert. Natürlich gibt es auch Stellen, wo ich zu etwas anderen Ergebnissen gelange wie gängige Übersetzungen, dies wird dann auch entsprechend begründet.


GLAUBE.at Halten Sie es für wichtig, sich mit dem Urtext der Bibel und den verschiedenen Übersetzungen zu beschäftigen? Wenn ja, warum?

Jens Kühne Strenggenommen ist der eine Urtext (=Originaltext) der biblischen Bücher nicht mehr vorhanden – sondern „nur“ noch Abschriften der Originale (davon einige sehr alte Abschriften in hervorragender Qualität). Wir sprechen jetzt vom sogenannten Grundtext. Die Beschäftigung mit dem griechischen Grundtext bleibt auch heute eine wichtige Aufgabe für Theologen, die sich auf das Neue Testament konzentrieren. Diese haben die verantwortungsvolle Aufgabe, möglichst nahe am Original anzusetzen und die Botschaft so zu formulieren, dass sie im 21. Jahrhundert verstanden wird und Menschen weiterhin innerlich berührt.


GLAUBE.at Welche Bibelstelle, die besonders wichtig ist, halten Sie für falsch übersetzt? Wie passieren solche „Übersetzungsfehler“?

Jens Kühne Die Frage ist erstmal: „was ist ein Übersetzungsfehler“? Für mich liegt ein Fehler dann vor, wenn beim Leser nicht mehr das im Kopf ankommt, was der ursprüngliche Autor gemeint hat. Fatalerweise geschieht dies oft, wenn man vermeintlich wortgetreu übersetzten möchte. Ich war letztes Jahr mit meiner Frau in den USA. Eine regelmäßige Small-Talk-Frage an uns lautete: „Where are you guys coming from?“. „Guys“ ist die Mehrzahl von „Guy“ (also „Junge“; „Kerl“). Würden wir eine vermeintlich wörtliche Übersetzung „Wo kommt ihr Kerle her?“ gut finden? Vermutlich nicht. Diese „wortgetreue“ Übersetzung entstellt für den deutschen Leser den Sinn – er wäre zwangsläufig der Meinung, dass hier zwei Männer danach gefragt werden, woher sie kommen. In den USA ist es aber üblich, die Mehrzahl „guys“ salopp und geschlechtsunspezifisch zu verwenden. Eine wesentlich bessere (sinngemäße) Übersetzung wäre z.B. „wo kommt ihr (Leute) denn her?“

Nun ein Beispiel aus der Bibel: die wortgetreuen Übersetzungen wie „Luther 84“ und „Elberfelder“ übersetzen das griechische Wort „adelphoi“ konsequent mit „Brüder“, da die Einzahl „adelphos“ „Bruder“ bedeutet. Nicht wenige denken immer noch, dass wesentliche Teile der Bibel nur an Männer geschrieben wurden – schließlich werden in den Briefen meist die „Brüder“ angeredet. In einigen Predigten hört man großzügig vielleicht noch einen Satz wie: „die Frauen dürfen sich auch angesprochen fühlen“. So etwas ärgert mich, denn die Erklärung ist eigentlich ganz leicht. Das Griechische hat kein eigenes Wort für „Geschwister“, sondern gebraucht in diesem Fall auch „adelphoi“. Der Zusammenhang muss darüber entscheiden, welches Wort verwendet werden soll – ähnlich wie beim amerikanischen „guys“. Es ist uns ein alter griechischer Brief erhalten, in welchem beschrieben wird, dass ein Bruder seine Schwester geheiratet habe – sie seien „adelphoi“. Hier ist klar: die Übersetzung „Brüder“ wäre am Sinn vorbei. Was im Amerikanischen und prophanen Griechisch gilt, muss auch für die Bibelübersetzung gelten: Der Zusammenhang muss darüber entscheiden, wie ein Wort übersetzt wird. Hier ist die Arbeit von Theologen gefragt. Die Übersetzung von „adelphoi“ haben die meisten modernen Übersetzungen meines Erachtens gut gelöst – aber in konservativen Kreisen unterstellt man teilweise immer noch ein feministisches Motiv. Die DBÜ möchte mit entsprechenden Verweisen in den Fußnoten helfen, die eigentlichen Motive zu verstehen (zur „Brüder/Geschwister“-Frage: siehe z. Β. die Fußnote zu Kolosser 1,2).

Noch ein Beispiel: das wichtige Wort „Glaube“ wird von vielen als „Kopfwissen“ verstanden. Wenn es heißt, dass der Mensch durch Glauben gerettet wird, käme ich hier auf einen falschen Schluss, wenn ich meine, der Mensch würde durch das „für-wahr-halten“ von Glaubensaussagen gerettet werden. Ich ziehe das wesentlich aussagekräftigere Wort „Vertrauen“ vor.


GLAUBE.at Wie wählen Sie die Themen für Ihre Artikel aus? Sind diese während Ihrer Zeiten als Student entstanden?

Jens Kühne Das ist verschieden. Einige Themen sind frühere Facharbeiten, die während meines Studiums entstanden sind. Die sehr umfangreiche Arbeit zum Thema „Vorentrückungslehre“ war meine Master Thesis. Einige Arbeiten, wie z.B. „die Bibel: Ein Überblick“, habe ich für Freunde erstellt. Der Überblick über „Jesaja“ ist in der Vorbereitungsphase einer Bibelstundenreihe entstanden.


GLAUBE.at Sollen in Zukunft verschiedene Autoren zu Wort kommen?

Jens Kühne Das habe ich nicht geplant. Hauptsächlich aus Zeitgründen, denn in diesem Fall müssten die Beiträge koordiniert werden. Es gibt gut besuchte Plattformen im Internet, die einen besseren Überblick über die Vielfalt an Meinungen erlauben. Ich selbst befinde mich auch stets im Dialog mit anderen Theologen, um meine Ansichten immer wieder zu prüfen und von anderen zu lernen – wo angebracht, referenzieren meine Artikel auf Arbeiten anderer Theologen. Ich kann nur dazu raten, dass man sich zu Themen, die einem wichtig sind, verschiedene Ansichten durchliest – die Gefahr ist sonst groß, dass man sich auf Dinge versteift, die bei näherer Betrachtung unhaltbar sind.


GLAUBE.at Wie bewerten Sie die Fragen, die Ihnen bereits gestellt wurden?

Jens Kühne In den sieben Wochen seit dem Erscheinen von theologie-aktuell.de haben über 600 Besucher insgesamt ca. 3.000 Mal die Seiten besucht. Das freut mich sehr. Die im Laufe der Zeit (schon vor der Online-Stellung) eingegangenen Fragen haben eine große Bandbreite – teilweise geht es um die Bedeutung einzelner Verse, teilweise um persönliche Glaubensfragen. Beides ist wichtig und zeigt, dass Menschen heute Orientierung im Wort Gottes suchen.


GLAUBE.at Mit welchem Buch sollte man anfangen, wenn man die Bibel gar nicht kennt und warum?

Jens Kühne Ich halte das kürzeste Evangelium, das Markusevangelium, für geeignet. Es ist gut zu lesen und enthält das Wichtigste überhaupt: eine Darstellung des Lebens Jesu. Alternativ: Unter den „Artikeln“ auf theologie-aktuell.de befindet sich „die Bibel: ein Überblick“. Dort sind 365 Kapitel der Bibel markiert. Wer sich „1 Kapitel pro Tag“ Zeit nimmt, hat in einem Jahr die wesentlichen Teile der Bibel gelesen.


GLAUBE.at Noch ein paar persönliche Fragen: Was ist Ihr Lieblingsbuch der Bibel?

Jens Kühne Das ist schwierig zu sagen. Die Schönheit der Bibel liegt für mich in ihrer großen Vielfalt. Je nach Lebenslage sind mir unterschiedliche Bücher besonders wichtig oder wertvoll geworden. Zurzeit würde ich spontan auf die Schriften des Johannes verweisen – seine Sprache ist sehr einfach, aber extrem inhaltsvoll. Allein über die ersten vier Worte des Johannesevangeliums „Im Anfang war das Wort“ könnte man ohne weiteres eine aussagekräftige Predigt halten.


GLAUBE.at Wie sind Sie persönlich zum Glauben gekommen?

Jens Kühne Ich bin christlich aufgewachsen. Den Wahrheitsgehalt der Bibel habe ich nie bezweifelt. Aber Glaube ist mehr als ein „für wahr halten“ – Glauben bedeutet in erster Linie „Vertrauen“: Vertrauen in die Liebe Gottes, Vertrauen auf Jesu stellvertretendes Opfer für meine Sünden und Vertrauen, dass Gott mein Leben lenken möchte. Mit elf Jahren habe ich dieses Vertrauen Gott gegenüber bewusst zum Ausdruck gebracht. Ich habe es nie bereut.


GLAUBE.at Was fasziniert Sie am Wort Gottes?

Jens Kühne In Kurzfassung: die zeitlose Botschaft. Zeitlos, weil die Bibel – trotz ihres Alters – Menschen jeder Zeit und jeder Kultur bewegt hat und bewegen wird. Und die Bibel ist eine „Botschaft“: keine Gedanken von Menschen über Gott, sondern die Botschaft des einen Gottes an seine Geschöpfe. Hier wird es sofort persönlich – und ja: faszinierend!


GLAUBE.at Was machen Sie beruflich? Betreiben Sie die Webseite nur in Ihrer Freizeit?

Jens Kühne Hauptberuflich bin ich als technischer Projektleiter in einem internationalen Elektronikkonzern angestellt. Wenn man so will, ist theologie-aktuell.de mein „Freizeitvergnügen“. Am zeitintensivsten ist natürlich die Übersetzungsarbeit – es ist aber eine schöne Arbeit und ich habe keinen Zeitdruck.


GLAUBE.at Warum verwenden Sie Twitter, um Ihre Inhalte zu verbreiten?

Jens Kühne Die Wenigsten möchten sich alle paar Wochen auf die mühsame Suche nach neuen Fragen/Antworten oder Artikeln auf meiner Homepage machen. So kam die Idee, dass ich über Twitter kurz über Neuerscheinungen informiere. Andere Twitter-Inhalte sind derzeit nicht geplant.

GLAUBE.at Vielen Dank für das Interview!