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„Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ heißt das neue Buch des katholischen Theologen und Facharztes für Psychiatrie, Manfred Lütz. (Symbolfoto)
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Ohne das Christentum gäbe es kein Nachdenken über Barmherzigkeit, Nächsten- und Feindesliebe. Davon ist der Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi (Die Linke) überzeugt. Er sprach bei der Vorstellung des Buches „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ (Herder Verlag) des katholischen Theologen und Facharztes für Psychiatrie, Manfred Lütz (Bonn), am 28. Februar in Berlin. Gysi zufolge gäbe es ohne Gott keine allgemeinverbindliche Moral. Er fürchte deshalb eine gottlose Gesellschaft. Die „Linke“ habe nicht die Stärke, Moral allgemeinverbindlich zu machen. Diese Kraft hätten nur die Kirchen. Es sei kein Zufall, dass die Menschen zu Weihnachten achtmal so viel spendeten wie sonst im Jahr. Der christliche Glaube sei auch dann wichtig, wenn man nicht an Gott glaube. Gysi: „Wir sind durch das Christentum in einer Art und Weise geprägt, wie es sich viele Nichtgläubige nicht vorstellen können.“ Angesichts wachsender sozialer Unterschiede sei die Einmischung der Kirche in die Politik angebracht. Allerdings dürfe sie dabei nicht selbst zur Partei werden.

Spahn: „Gott wird sich etwas dabei gedacht haben, dass ich bin wie ich bin“

Der Bundestagsabgeordnete und designierte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) äußerte sich zur Frage, wie seine homosexuelle Partnerschaft mit katholischen Glaubensüberzeugungen zusammenpasse. Er rate in dieser Frage zu „katholischer Gelassenheit“. Spahn: „Der liebe Gott wird sich etwas dabei gedacht haben, dass ich bin wie ich bin.“ So habe er es auch seinem Bischof gesagt. Er kämpfe dafür, dass Ehen und Familien unterstützt werden und stehe für Verlässlichkeit und Verbindlichkeit in der Beziehung. Dies habe er vor dem Staat erklärt, vor Gott sei dies nicht möglich. Spahn hatte Ende 2017 seinen Lebensgefährten, den „Bunte“-Journalisten Daniel Funke, geheiratet. Ferner äußerte sich der Politiker zum staatlichen Umgang mit Flüchtlingen. Aufgabe des Staates sei es, gerecht zu sein. Er müsse aber nicht barmherzig sein. Barmherzigkeit sei dem Einzelnen im persönlichen Umgang aufgetragen.

Lütz: Christen schämen sich für ihre eigene Geschichte, ohne diese zu kennen

Das Buch „Der Skandal der Skandale“ schrieb der Bestsellerautor Lütz in Zusammenarbeit mit dem katholischen Kirchenhistoriker Arnold Angenendt. Darin stellt Lütz Falschinformationen über das Christentum richtig, etwa über die Kreuzzüge und Hexenverbrennungen. Lütz zufolge schämen sich die Christen für ihre eigene Geschichte, ohne sie zu kennen. So sei kaum bekannt, dass die Christen die Toleranz erfunden hätten, also die Fähigkeit eine andere Meinung zu ertragen. Das Christentum habe die Gewalt reduziert, nicht befördert. So seien die Kreuzzüge keine „Heiligen Kriege“ zur Verbreitung des Glaubens gewesen. Um Kriege zu führen, könne man sich nicht auf die Bibel berufen. Zwar habe es im Namen des Christentums Verbrechen gegeben, diese seien jedoch weit geringer als häufig angenommen. So seien durch die Inquisition nicht Millionen Menschen umgekommen. Es seien lediglich 628 Todesurteile belegt. Bei den Hexenverfolgungen seien bedauerlicherweise 50.000 Frauen getötet worden. Sie seien jedoch ebenso durch Christen beendet worden wie die Sklaverei in den USA. Mit seinem Buch wolle er den „Klischees über die Kirche“ entgegentreten, so Lütz.

Historiker Schilling: Christentum hat auch zu Fundamentalismus beigetragen

Die Ausführungen von Lütz stießen auf den Widerspruch des Historikers Prof. Heinz Schilling (Berlin). Das Christentum habe auch zur Ausbreitung des Fundamentalismus und zu katastrophalen Entwicklungen in Europa beigetragen, etwa zum Dreißigjährigen Krieg (1618–1648). Dieser sei ein „furchtbarer fundamentalistischer Glaubenskrieg“ gewesen. Das Christentum habe in seinen Auswüchsen die Existenz und Psyche von Menschen zerstört. Es habe „Dinge produziert, die einen in der Diskussion mit dem Islam bescheiden machen“. Allerdings sei der Fundamentalismus in Europa nicht gegen, sondern mit der Religion verändert worden. So sei die lutherische Orthodoxie (Rechtgläubigkeit) durch „Pietismus und Herzensfrömmigkeit“ überwunden worden.