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Die Kirchen verwehren sich dagegen, dass einzelne Gruppen in der Gesellschaft gegeneinander ausgespielt werden, sagt der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, Thomas Hennefeld.
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Die Kirchen in Österreich werden 2018 besonders wachsam sein, wenn es darum geht, Anwalt für Schwache und gesellschaftliche Randgruppen zu sein. Das hat der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld, betont. Dies sei gerade angesichts der Pläne der neuen Bundesregierung, die ansetze, bei den Ärmsten im Land zu sparen, besonders dringlich. Hennefeld: „Wir wollen im ÖRKÖ, aber auch gemeinsam mit anderen Religionsgemeinschaften deutlich machen, dass wir für eine inklusive Gesellschaft stehen und uns dagegen verwehren, dass einzelne Gruppen gegeneinander ausgespielt werden und es zu einer weiteren Polarisierung im Land kommt.“

In diesem Sinne habe auch das Grundsatzpapier zur „politischen Verantwortung“, das der ÖRKÖ im vergangenen Herbst vor der Nationalratswahl als Orientierungshilfe veröffentlicht hat, nichts von seiner Gültigkeit verloren. Entschieden sprechen sich die Kirchen darin etwa gegen die Herabwürdigung der Menschenrechte, gegen jeden Angriff auf demokratische Grundstandards sowie gegen Antisemitismus und Rassismus aus. Zugleich heben sie die Notwendigkeit der Bekämpfung der Armut im Land hervor. Wichtig ist den Kirchen naturgemäß auch das Thema Flüchtlinge bzw. Migration. Ebenfalls im Fokus der Kirchen stehen der Einsatz für den Lebensschutz, umfassende Gerechtigkeit und Frieden.

Hennefeld: „Die Kirchen haben keine Äquidistanz zu den verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft, sondern sind ganz im Sinne Jesu und der biblischen Botschaft gefordert, Partei zu ergreifen für die Schwachen, die Ausgegrenzten oder eben auch Flüchtlinge. Wir treten dafür ein, dass alle Menschen in diesem Land in Würde leben können.“

Gedenken an „Anschluss“ 1938

Ein großes Anliegen ist dem ÖRKÖ-Vorsitzenden in diesem Jahr vor allem auch das Gedenken an die Ereignisse von 1938 und den „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland. Dieses Gedenken schließe auch eine kirchliche Schuldgeschichte ein, die immer wieder aufs Neue benannt werden müsse, so Hennefeld. Gedenken allein sei aber zu wenig, denn: „Wir haben den Auftrag, mit großer Sensibilität und Wachsamkeit auf jede Regung von Antisemitismus, Rassismus und Intoleranz zu reagieren.“ Die Menschen würden das von den Kirchen auch erwarten.

Zu dem zuletzt immer deutlicher wahrnehmbaren Antisemitismus unter Muslimen meinte der ÖRKÖ-Vorsitzende, dass dieser nicht mit dem westlichen in einen Topf geworfen werden dürfe. Antisemitismus unter Muslimen habe eine andere Ursache und stehe mit dem Nahostkonflikt in Zusammenhang. Das sei natürlich genauso abzulehnen, dürfe aber nicht von der eigenen Schuldgeschichte ablenken. Antisemitismus von Muslimen werde nur allzu gerne sofort von verschiedenen Kreisen instrumentalisiert.

Freilich müsse man auch deutlich sagen: „Nicht alles, was als antisemitisch gebrandmarkt wird, ist es auch.“ So sei man noch lange kein Antisemit, wenn man bestimmte Aspekte der israelischen Politik oder die aktuelle US-Nahostpolitik kritisiere.

Einsatz für Frieden im Heiligen Land

Hennefeld unterstrich in diesem Zusammenhang das Engagement des ÖRKÖ im Rahmen des „Ökumenischen Begleitprogramms in Palästina und Israel“ (EAPPI). Im Rahmen dieser Initiative des Weltkirchenrates werden Freiwillige entsendet, die sich gemeinsam mit Friedensaktivisten aus aller Welt für ein Ende der Gewalt und ein friedliches und gerechtes Zusammenleben von Palästinensern und Israelis einsetzen. Seit 2010 sind auch immer wieder Freiwillige aus Österreich im Einsatz.

Damit wolle man einen Beitrag zu Frieden und Deeskalation in der Region leisten, sagte Hennefeld. Man stehe dabei weder pauschal auf der Seite der Palästinenser noch auf jener der Israelis. Zwar stehe der Schutz bzw. die Begleitung der palästinensischen Zivilbevölkerung in der Westbank im Vordergrund des Programms, es gebe aber genauso Kontakt mit israelischen Menschenrechtsorganisationen. Hennefeld: „Der ÖRKÖ steht auf der Seite all jener, die sich für einen gerechten Frieden einsetzen.“

Politisch könne dies wohl nur auf eine Zwei-Staaten-Lösung hinauslaufen, zeigte sich der Landessuperintendent überzeugt, denn es sei wohl „undenkbar, dass die Juden im eigenen Staat eine Minderheit sind“. Er wolle aber auch nicht von Israel als einem „jüdischen Staat“ sprechen, sondern als einem „Staat für alle seine Bürger“, eben nicht nur für Juden.

Theologisches Gespräch bleibt Aufgabe

Während die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen in Österreich im sozialen oder auch kulturellen Bereich sehr gut ist, musste Hennefeld einräumen, dass es zuletzt auf theologischem Gebiet wenig Fortschritte gegeben habe. Das habe schlicht damit zu tun, dass Katholiken, Protestanten und Orthodoxe noch „mit zum Teil unterschiedlichen Geschwindigkeiten“ unterwegs seien. Im Herbst wollen sich die ÖRKÖ-Mitgliedskirchen bei einer gemeinsamen Tagung mit ihren unterschiedlichen Zugängen zum Märtyrertum befassen. Hier könne man sicher viel voneinander lernen, so Hennefeld.

Er wolle schließlich aber doch noch von einem weit über Österreich hinausgehenden ökumenisch höchst bedeutsamen Erfolg aus dem Jahr 2017 sprechen: Bei der Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen in Leipzig im Juli des Vorjahres trat die Reformierte Kirche der gemeinsamen katholisch-lutherischen Erklärung zur Rechtfertigungslehre aus dem Jahr 1999 bei, der zuvor auch schon die Methodistische Kirche beigetreten war. Damit hätten nun alle diese Kirchen bezeugt, dass man ein gemeinsames theologisches Verständnis von Gnade habe.

Die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen habe zudem besonders darauf hingewiesen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Rechtfertigung und Gerechtigkeit gebe und die Hoffnung damit verbunden, dass dieser Aspekt auch in zukünftigen Gesprächen Berücksichtigung findet, erklärte Hennefeld.