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Nahostkorrespondent Johannes Gerloff ist der Meinung, die Situation in Israel kann man von zwei Seiten sehen.
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Europäische Zeitungen stellen in ihrer Berichterstattung über Israel und den Nahostkonflikt häufig Prognosen auf, die nicht überprüft werden können, sagt der Nahostexperte Johannes Gerloff. Das führt häufig zu einer verzerrten Berichterstattung über Israel und den Nahostkonflikt, in der sich Wirklichkeit und Vorstellung immer wieder vermischt. Die Frage ist letztlich immer, was man hören will. Möchte man von den guten und positiven Entwicklungen hören, die es in Israel gibt, oder ist man nur am Nahostkonflikt interessiert, ohne zu wissen, worin der überhaupt besteht? Die Situation in Israel ist nämlich zum einen angespannt, insbesondere durch die Rolle des Iran, andererseits aber kann sich in Jerusalem jeder sicher fühlen, weil der Konflikt religiöser Natur ist. Religiöse Muslime würden es nie wagen, die „heilige“ Stadt Jerusalem anzugreifen oder gar zu zerstören. Das hätten die Iraner aber auch gar nie nötig. Sie müssen keinen Krieg beginnen, denn sie erreichen ihre Ziele auch so, in dem sie z. B. mit einem Krieg drohen. Als völlig unberechenbare militärische Macht schaffen sie es tatsächlich bereits seit Jahren, andere Staaten zu erpressen und unter Druck zu setzen.
Seit seiner Gründung vor rund 70 Jahren hat sich die Lage des Staates Israel inmitten der arabischen Welt radikal verändert. Israel ist es gelungen, international gute Beziehungen aufzubauen und das auch zu arabischen Ländern. Dabei ist der Staat zu einem verlässlichen Faktor im Nahen Osten geworden. Israel, Jordanien, Saudi-Arabien und Ägypten sind in den vergangenen Jahren immer näher zusammengerückt. Obwohl die Türkei weiterhin die radikale palästinensische Hamas unterstützt, besteht auch zwischen ihr und Israel eine enge politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit.
Im Syrienkrieg sind so viele Staaten verwickelt, dass man eigentlich schon von einem kleinen „dritten Weltkrieg“ sprechen kann. Israel befindet sich in einem furchtbaren Umfeld und kann dennoch positive Entwicklungen verzeichnen. Aber werden diese teils überaus positiven Entwicklungen in den deutschen Medienberichten genannt? So gut wie nie. Ein Vertreter Saudi-Arabiens sagte bei einer Begegnung im Rahmen der UNO vor einigen Jahren zu einem Vertreter Israels: „Lieben werden wir euch nie – aber wir bewundern euch, und wir wollen zwei Dinge von euch lernen.“ Diese zwei Dinge, die Israel im Gegensatz zu seinen Nachbarländern aufzuweisen hat, sind zum einen eine stabile Gesellschaft, in die auch Araber integriert sind, und zum anderen die blühende Wirtschaft – und das ganz ohne Öl.
Die israelische Wirtschaft ist eine Erfolgsstory, wie es kaum eine zweite gibt. Aus einem Land, in dem es so gut wie keine natürlichen Ressourcen gab, entstand in den vergangenen 70 Jahren ein Land, das über eine starke Währung verfügt und nicht vom Ölpreis abhängig ist. Das ist großartig, ja, geradezu einmalig. In Israel sind Themen, die uns in Europa so wichtig erscheinen, teilweise überhaupt nicht relevant. Die sogenannte „Zwei-Staaten-Lösung“ etwa. Das interessiert in Israel selbst in Wahlzeiten kaum jemand. Ein Thema, das Israelis derzeit interessiert, ist viel eher die politische Perspektivlosigkeit, die sich darin widerspiegelt, dass nun schon zum dritten Mal gewählt werden muss, weil es nicht gelang, eine Koalition und damit Regierung zu bilden. Trotzdem geht es Israel, wenn man das Gesamtbild betrachtet, sehr gut.

Näheres dazu berichtet Johannes Gerloff im Podcast. Es ist der erste Teil seines Vortrags zum Thema „70 Jahre Israel – wie geht es weiter?“ aus der Themenreihe "Israel – Brennpunkt der Weltgeschichte" im ERF Südtirol.