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„Wovon das Herz voll ist, davon kann der Mund nicht schweigen“ – unter diesem Motto geht Hermann-Josef Lücker mit seiner Kirche hart ins Gericht.
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Der Priester der niedersächsischen, katholischen Kirche in St. Vitus in Visbek machte Anfang März seinem Ärger Luft. Hermann-Josef Lücker hat genug von den Missständen in der katholischen Kirche und das machte er in einer Sonntagspredigt mit emotionalen Worten deutlich. Das Video der sogenannten Wutpredigt wurde bereits fast 60.000 Mal angeklickt.

„Wovon das Herz voll ist, davon kann der Mund nicht schweigen“ – unter diesem Motto geht Hermann-Josef Lücker aus dem katholischen Oldenburger Münsterland mit seiner Kirche hart ins Gericht, berichtet die WELT. Angeprangert wird der Umgang mit Missbrauch, die Uneinigkeit der Bischöfe, die Stellung der Frau und der Umgang mit Homosexualität.

Missbrauch mache ihn „richtig zornig“

Seine leidenschaftliche 11-minütige Predigt beginnt Lücker mit dem Thema, das ihm wohl am meisten am Herzen liegt: Missbrauch. Die Tausenden Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, über die geschwiegen wurde und die vertuscht worden sind, empören ihn zutiefst.

Wenn er daran denke was hinter dem Wort Missbrauch stecke, sagt Lücker und hält sich die Hand über den Kopf, „dann steht es mir bis hier!“ Es sei nicht nur „skandalös“, sondern „unvorstellbar, was sich da in der Kirche Gottes abgespielt“ habe, „bis in die obersten Chargen“. Das mache ihn „richtig zornig“.

Lücker, der seit 2004 Gemeindepfarrer ist, verspricht den Gläubigen in St. Vitus „null Toleranz“ für die Täter, auch in seiner eigenen Pfarrgemeinde. „Jeder Verdacht wird angezeigt und auch strafrechtlich verfolgt. Damit für alle klar ist: Hier wird nichts vertuscht, weichgeredet oder unter den Tisch gekehrt.“

„Rumgeeiere“

Das Zweite, was den 56-jährigen Priester von Visbek „im Innersten seines Herzen mehr als bewegt“, ist die Uneinigkeit der Bischöfe. „Was ist das für ein Rumgeeiere?“, fragt der Pfarrer. Er nennt als Beispiele die Unfähigkeit seiner Kirchfürsten, sich zu einigen, ob Kirchen in seinem Landkreis geschlossen werden oder nicht.

„Der eine sagt Hü, der andere sagt Hott“, so Lücker. Ausbaden müssten diesen Eiertanz die Pfarrer vor Ort. Weiters meint Lücker, dass die Bischöfe endlich ein ökumenisches Abendmahl für Ehepaare unterschiedlicher Konfessionen einführen sollten.

„Frauen, haltet bloß nicht die Klappe!“

Die Frauen ruft der Pfarrer in seiner Wutpredigt dazu auf, den Kampf um das Priesteramt nicht aufzugeben. „Haltet bloß nicht die Klappe, sondern begehrt auf! Jetzt ist die Zeit, den Mund aufzumachen!“ Frauen müssten endlich eine neue Stellung in der Kirche einnehmen, auch wenn sich vielleicht nicht alles sofort erreichen lasse.

„Wir müssen unseren Chefetagen mal Feuer machen, damit sich was bewegt.“

Homosexualität

Als letztes jener Themen, bei dem er nicht länger schweigen wolle, nennt Lücker die Sexualmoral der katholischen Kirche. Die Kirche müsse sich endlich mit diesem Thema befassen. Derzeit dürfe er zwar „jeden Panzer und jedes Karnickel segnen“, aber keine homosexuellen Paare. Obwohl für ihn die Ehe "auf Nachkommenschaft hin geschaffen wurde" und somit nur zwischen Mann und Frau legitim ist, stellt der Pfarrer in Frage, warum er gleichgeschlechtliche Paare nicht segnen dürfe.  

„Die Zeiten ändern sich. Und auch die Kirche muss sich ändern!“

Kirchenaustritt sei keine Lösung

„Ich kann den einen oder anderen der austritt, gut verstehen“ kommentiert der Pfarrer die größer werdende Anzahl an Kirchenaustritten, auch wegen der von Lücker als unzeitgemäß empfundenen Ungleichbehandlung des weiblichen Geschlechts.

Aber ein Austritt sei für ihn nicht die richtige Lösung, denn „was wollen wir uns Kindern bitteschön noch mitgeben auf den Weg an christlichen Werten?“, so Lücker über ein Leben ohne das Fundament der Kirche. „Was gibt uns Kraft, Halt und Mut?“, stellt der Priester die rhetorische Frage. Für ihn ist die Antwort eindeutig: Gott und die Kirchengemeinschaft. Außerdem würde die Kirchensteuer wichtige Sozialprojekte, wie Kindergärten und Altenheime in Deutschland finanzieren.

Mit den Worten „es macht mir so eine Freude Priester zu sein. Mit Gott Klartext reden zu können und zu hören, was er sagt. Es macht mir eine Freude mit Ihnen gemeinsam Gottesdienst zu feiern“, beendet Lücker seine Donnerpredigt.

Wutpredigt Hermann-Josef Lücker - "Wovon das Herz voll ist, davon kann der Mund nicht schweigen"