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Die Pubertät ist ein Selbstfindungsprozess, in dem Jugendliche Halt und Hilfe brauchen.
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Wir hören heute tagtäglich Meldungen zu den verschiedensten Krisen: Wirtschaftskrise, Corona-Krise, Klimakrise. Was in den Nachrichtenmedien nur so gut wie gar nicht thematisiert wird, sind Krisen, die Menschen wie Sie und ich durchleben. Krisen, wie sie z. B. auch ein Jugendlicher in der Zeit seiner Pubertät durchlebt. Jugendliche leiden oft sehr darunter, begehren auf und fühlen sich nicht verstanden. Eltern stehen diesen Krisen ihrer Kinder dann oft hilf- und ratlos gegenüber oder reagieren mit aggressivem Verhalten darauf.

Dabei sollte es Eltern klar sein, dass diese Phasen zur Entwicklung ihrer Kinder gehören. Da spielt es dann auch erstmal überhaupt keine Rolle, ob bestimmte Verhaltensmuster als „typisch“ für Jugendliche in diesem Alter angesehen werden können oder nicht. Denn Menschen sind unterschiedlich. Deshalb ist es auch wichtig, dass Eltern sich vielmehr fragen, welche innerlichen Schwierigkeiten das Verhalten ihres Kindes vielleicht widerspiegelt. Selbst wenn ein Teenager auch „typisches“ Verhalten an den Tag legt, steckt hinter diesem Verhalten dennoch das Kind, das Eltern in seiner Individualität sehen sollten und das es zu verstehen gilt.

Pubertätszeit ist zumeist keine so angenehme Zeit im Leben eines Menschen. Für Eltern nicht und auch nicht für das heranwachsende Kind. Das muss nicht sein, ist aber sehr oft so. Pädagogen sprechen vom „zweiten Ablösungsalter“, in dem der Wunsch nach Selbstständigkeit zu einer inneren Notwendigkeit wird. Oftmals ist diese Phase auch von einer großen inneren Zerrissenheit geprägt, die aus einer „Identitätskrise“ entspringt und erstmal überwunden werden muss.

Bestsellerautor Reinhold Ruthe, der jahrelang als Jugendtherapeut und Familienberater gearbeitet hat, definiert „Identität“ im aktuellen Thema-des-Monats-Podcast des ERF als „Übereinstimmung des Menschen mit sich selbst“. Doch was geschieht in einem Menschen, wenn diese Übereinstimmung vorübergehend überhaupt nicht mehr gegeben ist? Es kommt zur Verunsicherung, die dann in einen neuen Selbstfindungsprozess mündet. Vorher kann es aber durchaus sein, dass ein Teenager sich allen möglichen Extremen aussetzt. Körperlich werden Kinder in dieser Phase immer mehr erwachsen. Von ihrer geistigen und sozialen Reife allerdings sind sie oft noch weit davon entfernt. Eltern können ihren Kindern in dieser Phase ihres Lebens eine Stütze sein, wenn sie trotz all der Extreme, die sie vielleicht erleben, eine gesunde Mitte darstellen und diese ihrem Kind gegenüber auch zum Ausdruck bringen. Das ist wahrscheinlich nie einfach und führt vielleicht auch zu noch größerem Unverständnis, aber es hilft. Längerfristig zumindest. Denn wonach der Jugendliche in dieser Phase seines Lebens Sucht, ist eigentlich genau das.

Wenn Jugendliche in der Pubertät beispielsweise den starken Drang verspüren, sich von anderen zu unterscheiden und aufzufallen, so mag das vielleicht ein typisches Verhalten sein, aber das heißt noch lange nicht, dass sie sich nicht dennoch innerlich nach etwas ganz anderem sehnen. Im Grunde genommen suchen sie Anerkennung und Beachtung und Wärme, auch wenn sie vielleicht zu radikalen Mitteln greifen, um diese Sehnsucht zum Ausdruck zu bringen. Es kann auch vorkommen, dass Jugendliche sich mit Menschen identifizieren, die gescheitert oder erfolglos sind, oder dass sie ganz bewusst den Kontakt zu gesellschaftlichen Aussteigern suchen. Im schlimmsten Fall schließen sie sich kriminellen Gangs an, die dann auch tatsächlich einen schlechten Einfluss auf sie ausüben. Mädchen sind oft auch anfällig für Magersucht und vielen anderen selbstzerstörerischen Verhaltensweisen. Dieses Phänomen ist gerade in unserer Zeit leider weit verbreitet. Das zeigt auch, dass sie ihre innere Identität noch nicht gefunden haben und mit ihrer Entwicklung hadern. Aber es gibt auch Jugendliche, die problemlos über diese Phase ihres Lebens kommen. Wieder anderen ist Anerkennung und Beachtung vielleicht generell nicht so wichtig. Deshalb muss es auch nicht zwingend bei jedem Jugendlichen zur Rebellion und Feindseligkeit kommen. Und Eltern können auch einiges dazu beitragen.

Wer das Zuhause seiner Kinder zum Beispiel so gestaltet, dass Kinder sich ernst genommen und wertgeschätzt fühlen, schafft damit bereits eine gute Voraussetzung, dass Kindern auch im Teenageralter besser „über die Runden“ kommen. Eigenständigkeit und Selbstverantwortung, die bereits in jungen Jahren eingeübt werden, sind weitere gute Voraussetzungen, um die Veränderungen im Teenageralter gut zu überstehen. Denn wo immer Kinder sich angenommen, geborgen und beachtet fühlen, haben sie es auch nicht nötig, sich all das auf andere Weise zu suchen.

Näheres dazu im Podcast. Es ist der fünfte Teil einer Reihe zum Thema „Wer fordert, der fördert“ mit Bestsellerautor Reinhold Ruthe im ERF Südtirol.