page-header
Markus Rode, Leiter des Hilfswerks Open Doors in Deutschland, informiert über die aktuelle Lage verfolgter Christen.
Anzeige
<p>Open Doors setzt sich weltweit für verfolgte Christen ein und veröffentlicht jedes Jahr einen sog. „Weltverfolgungsindex“, in dem die Länder aufgelistet werden, in denen Christen am stärksten bedroht und wegen ihres Glaubens diskriminiert und verfolgt werden.

Herr Rode, welche neuen Entwicklungen lassen sich im aktuellen Weltverfolgungsindex feststellen und worauf sind sie zurückzuführen?
Insgesamt spiegelt sich im aktuellen Weltverfolgungsindex die verstärkte Intensität der Christenverfolgung wider. Beispielsweise hat sich die Zahl der zerstörten und geschlossenen Kirchen verfünffacht – 9500 Kirchen waren davon betroffen. In Afrika ist durch das länderübergreifende Agieren von islamistischen Gruppierungen eine neue Dimension der Verfolgung entstanden. In asiatischen Ländern verbreitet sich immer mehr nationalistisches Gedankengut, das religiöse Minderheiten ausschließt. Hinzu kommt, dass Christen in Asien immer mehr digital überwacht und benachteiligt werden.

Die Zahl der verfolgten Christen ist in den vergangenen Jahren weiter angestiegen. Müssen wir damit rechnen, dass dieser Anstieg in den kommenden Jahren noch weiter gehen wird?
Weltweit stehen ca. 640 Millionen Christen 5 Milliarden Menschen mit anderen Religionen gegenüber. Natürlich ist es nicht möglich, eine eindeutige Prognose für die kommenden Jahre aufzustellen, der Trend der vergangenen Jahre zeigt jedoch, dass Christenverfolgung nicht nur in der Intensität stetig zugenommen hat, sondern auch in der Verbreitung. Es kommen immer wieder Länder hinzu. Die Zahl der Christen, die unter hoher, bis extremer Verfolgung leiden, steigt stetig: 2019 waren es noch 245 Millionen, in diesem Jahr sind es bereits 260 Millionen.

Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die oft fürchterliches Unrecht erleiden. Wie können wir diesen Menschen helfen?
Verfolgte Christen fühlen sich häufig allein, weil sie ihre Nöte nicht äußern können. Vor allem bitten sie um Gebet. Open Doors möchte eine Art „Informationsbrücke“ sein, die es Christen in Europa durch konkrete Gebetsanliegen erleichtert, den verfolgten Christen diesen Wunsch zu erfüllen. Neben existentieller Hilfe und praktischen Projekten zählt in den betroffenen Ländern vor allem die persönliche Ermutigung. Als Christen in Europa sollten wir uns deshalb mit unseren Geschwistern, die wegen ihres christlichen Glauben leiden müssen, identifizieren, für sie beten und sie ermutigen (zum Beispiel durch Karten, die durch Open Doors an sie vermittelt werden. Siehe www.opendoors.de) Das verbreitet Hoffnung in Situationen der Hoffnungslosigkeit.

Nordkorea nimmt auch heuer wieder den ersten Platz des Weltverfolgungsindex ein. Es ist das Land, in dem Christen am stärksten der Verfolgung ausgesetzt sind. Wie sieht die Situation der Christen dort aus?
Seit 18 Jahren steht Nordkorea an erster Stelle der Länder, in denen Christen wegen ihres Glaubens verfolgt und gedemütigt werden. Die herrschende Kim-Dynastie stellt die einzige erlaubte Religion des Landes dar. Die Geheimpolizei ist allgegenwärtig und darin geschult, Christen an ihrem Verhalten zu erkennen. Werden sie entdeckt, weil sie sich beispielsweise nicht vor den Statuen der ehemaligen Herrscher verneigen, werden sie in Arbeitslager gebracht oder hingerichtet. Open Doors geht davon aus, dass in diesen Lagern zurzeit ca. 70 000 Christen gefangen gehalten und systematisch gequält werden. Trotz dieser grausamen Zustände wächst die Zahl der Christen in Nordkorea. Jesus wirkt in diesem dunklen Land mit seinem Licht, auch wenn sich die Situation für die Christen durch modernere Grenzanlagen und Überwachungsmechanismen im Vergleich zu den letzten Jahren noch weiter verschlechtert hat.

In welchen Ländern, von denen man in den Medien nur wenig hört, hat die Christenverfolgung im vergangenen Jahr drastisch zugenommen?
Vor allem Burkina Faso, Niger und Kamerun. Hier agieren vom IS inspirierte djihadistische Gruppen länderübergreifend. Sie zerstören Kirchen, bringen Pastoren um und greifen gezielt Menschen an, die an Jesus glauben. Ein weiteres Land, in dem die Verfolgung im vergangenen Jahr eine neue Dimension angenommen hat, ist Sri Lanka. Durch die von einer islamistischen Gruppe verübten Anschläge zu Ostern 2019 kamen 250 Menschen ums Leben, von denen die meisten Christen waren.

Christenverfolgung scheint noch immer weit weg zu sein von uns. Wie stufen Sie die Lage der Christenverfolgung bei uns in Europa ein?
Die Länder hier stehen für Demokratie und Religionsfreiheit, doch der Schein trügt. Durch die Flüchtlingsströme in den vergangenen Jahren sind Menschen aus Ländern weit oben im Weltverfolgungsindex zu uns gekommen. So kam es in Flüchtlingsheimen immer wieder zu Übergriffen gegen christliche Flüchtlinge oder Konvertiten. Leider kommt es auch vor, dass Christen in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden, ohne Rücksicht darauf, was in den Heimatländern mit ihnen dann geschieht. Bei den europäischen Behörden herrscht oft keinerlei Verständnis dafür, was diese Christen in ihren Herkunftsländern erwartet. Das spiegelt eine Komponente der Diskriminierung von Christen in Europe wider. Der christliche Glaube verschwindet immer mehr aus dem öffentlichen Bereich und die Ideologie der „political correctness“ macht es schwierig, sich klar zum Glauben an Jesus Christus zu bekennen.

Noch vor einem Jahr war „Integration von Flüchtlingen“ in Europa ein sehr großes Thema. Wie sieht es heute aus?
Als 2014/2015 eine große Anzahl an Flüchtlingen nach Europa kam, wurden diese zunächst auf engstem Raum untergebracht. Religionen und Kulturen trafen aufeinander. Insbesondere Konvertiten gerieten so in eine sehr gefährliche Lage. Diese Problematik ist bis heute nicht gelöst. Es war für Christen eine herbe Enttäuschung, als sie feststellen mussten, dass sie in Europa nicht den Schutz finden, den sie sich erhofft hatten.

Näheres dazu berichtet Markus Rode im Podcast. Es ist der erste Teil eines Interviews zum Thema des Monats „Christenverfolgung heute“ im ERF Südtirol.