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Die „Achtundsechziger“ sind legendär. Wer hatte nicht zur Schulzeit einen Lehrer mit zotteligem langem Haar, der von Sitzblockaden in Brokdorf oder durchfeierten Nächten in Woodstock schwärmte. 50 Jahre nach der Studentenrevolte blicken wir zurück, was die 68er Gutes gebracht haben und worauf wir lieber verzichten würden. Nach dem biblischen Motto: „Prüft alles und das Gute behaltet!“

1. Segen: neue Diskussionskultur

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Wer hat sie nicht vor Augen, die endlosen Sit-Ins vor Universitäten oder in WG-Küchen. Okay, die endlose Laberei konnte einem sicherlich auch auf den Keks gehen. Ein Segen war die neue Diskussionskultur trotzdem. Weil ein ganz wichtiger Gedanke im Mittelpunkt stand: Jeder darf mitreden, jede Meinung zählt. Und auch wenn sich nicht immer alles demokratisch lösen lässt: Darauf wollen wir doch nicht mehr verzichten.

2. Fluch: zu viel Political Correctness

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In den Sechzigerjahren begann es noch ganz harmlos: Man wollte bisher diskriminierte Gruppen wie Behinderte, dunkelhäutige Menschen und Frauen besser schützen. Ein sehr gutes Anliegen. Aber daraus hat sich ein Popanz entwickelt, der besonders an der Sprache ablesbar ist. Wer „Zigeunerschnitzel“ oder „Mohrenkopf“ sagt, gilt schnell als Rassist. Wer sich als Indianer verkleidet, betreibt „kulturelle Aneignung“. Und wer falsche Sprachcodes verwendet und etwa „Flüchtling“ statt „Geflüchteter“ sagt, macht sich verdächtig. Zu viel des Guten!

3. Segen: Aufbrüche im Glauben

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Zur Zeit der Studentenbewegung wollten auch viele Christen ihren Glauben neu und anders leben. Die frommen Gemeinden der 50er und 60er Jahre empfanden sie als angestaubt und beengt. In den USA verbanden die „Jesus People“ lebendigen Christusglauben mit der Hippie-Kultur, auch nach Deutschland schwappte die Bewegung. Unter anderem hat die heutige Lobpreis-Kultur ihre Wurzeln in dieser Zeit. Der Aha-Effekt damals: christliche Gemeinden können kulturell durchaus mit der Zeit gehen. Wichtig ist nur, dass sie dem Evangelium treu bleiben. Daumen hoch!

4. Fluch: Jesus als Politiker

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Die politischen Umwälzungen der Sechzigerjahre werfen Wellen bis heute. Friedens-, Klima- und Anti-Atomkraftbewegung sind Beispiele. Problematisch ist aus christlicher Sicht, dass damals viele Gemeinden die Politik für sich entdeckten – und die geistliche Seite des Glaubens dabei vergaßen. Nun soll sich jeder Christ selbst politisch eine Meinung bilden; Kritisch wird’s, wenn von der Kanzel nur über Klimaziele geredet wird. Vergessen wir nicht: Es geht um’s ewige Leben und das persönliche Heil.

5. Segen: Nazis Nazis nennen

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Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar: Bis in die 50er und 60er Jahre hinein waren ehemalige Nazi-Funktionäre Richter, Lehrer und hohe Politiker. Eine Aufarbeitung fand wenig statt, das „Dritte Reich“ wurde totgeschwiegen. Wiederaufbau war das Einzige, was zählte. Damit machten die 68er Schluss. Sie lehnten sich „gegen ihre Väter“ auf und prangerten den alten Nazi-Filz an. Sicherlich nicht immer höflich und differenziert, aber trotzdem: Es war wichtig, das Fenster zur Vergangenheit weit zu öffnen, um in Zukunft wieder frische Luft atmen zu können.

6. Fluch: die Deutschland-Allergie

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Nein, bestimmt waren nicht alle 68er „Deutschland-Hasser“. Doch die radikale Abkehr von der Generation der Eltern, die im „Dritten Reich“ weggeschaut, mitgemacht und zu wenig Widerstand geleistet hatten, führte zu einem höchst gespaltenen Verhältnis zum eigenen Land. Deutschland gut zu finden oder gar auf seine Herkunft „stolz“ zu sein, war verpönt. Eine Haltung, die unser Land bis heute prägt.

7. Segen: Andere Kulturen sind cool!

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Auch an diesem Punkt eine positive Seite: Dass Deutschland heute ein weltoffenes Land ist und die Deutschen Reiseweltmeister, geht sicherlich auch zum Teil auf den großen Umbruch der 60er Jahre zurück. Man entdeckte die Länder der „dritten Welt“ als Opfer der Kolonialregime, denen man helfen wollte, aber auch als Sehnsuchtsort. Jugendbegegnungen mit Peru, Internationale Gebetstreffen mit asiatischen und afrikanischen Christen, die Fair-Trade-Bewegung: das sind doch super Sachen.

8. Zwiegespalten: Multi-Kulti ist immer toll

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Während der großen Migrationswelle 2015 wurde schnell klar: Wer auch nur einen Hauch Kritik an der Flüchtlingspolitik übt, gilt schnell als rechts. Multi-Kulti ist toll, jeder soll leben dürfen, wo er will. Wer Kriegsflüchtlingen helfen wollte, aber Angst vor einer Überforderung durch Wirtschaftsmigranten äußerte, war wohl spießig, dumm oder einfach rechts. Gerade ändert sich das etwas. Aber die ganze aufgeheizte Debatte zeigt auch: die 68-Idee von einer grenzenlosen Welt mit grenzenloser Solidarität erfordert Augenmaß.

9. Segen: Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden!

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Der Vietnam-Krieg (1955-75 zwischen Süd- und Nordkorea bzw. Sowjetunion/China und den USA) politisierte eine ganze Generation. Tausende gingen in den USA und Europa auf die Straße, um gegen das sinnlose Sterben von Millionen zu protestieren. Das Musical „Hair“ gibt einen guten Eindruck davon. So entstand die Friedensbewegung, die bis heute nachwirkt. Auch der Protest gegen den Irakkrieg 2003 stand in dieser Tradition – und holte übrigens zehn Mal so viele Leute auf die Straße wie 1968. Dass es heute für viele normal ist, sich für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen, dürfen sich die 68er auf die Fahnen schreiben.

10. Fluch: Blindheit auf dem linken Auge

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Die Kritik an den USA (die in Vietnam unter anderem das Gift Napalm einsetzten) ging oft einher mit einer blinden Verehrung für kommunistische Führer wie den vietnamesischen Revolutionär Ho Chi Minh und mit Verständnis für Schlächter wie Josef Stalin, der Gegner erbarmungslos verfolgen ließ und Millionen Menschen in den Tod schickte. Bis heute sind die politischen Erben der 68er erstaunlich gut darin, die Schattenseiten von kommunistischen Diktatoren wie Venezuelas Hugo Chavez oder Kubas Fidel Castro kleinzureden. Generell war das Verhältnis der 68er zur Gewalt oft ambivalent, was die große Zahl der RAF-Sympathisanten zeigte.

11. Segen: Frauen an die Macht!

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Die 68er waren eine treibende Kraft des Feminismus. Bis dahin war die Rolle der Frauen häufig beschränkt auf „Küche, Kinder, Kirche“ und Männer hatten das Sagen. Nur als Beispiel: In der Schweiz dauerte es bis 1971, bis Frauen wählen durften. Und in Deutschland bekam die Frau automatisch den Namen ihres Ehemannes, wenn sich das Paar bei der Hochzeit nicht einigen konnte. Heute ist es normal, das Frauen in Führungspositionen sind und sie genießen die gleichen Rechte wie die Männer. Good job!

12. Fluch: ein fragwürdiges Familienbild

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Eines ist klar: Im Leben läuft nicht immer alles nach Plan und niemand sollte auf Alleinerziehende oder Patchwork-Familien herabschauen. Aber heute wird schon als engstirnig geschmäht, der es für ideal hält, wenn ein Kind von seinem Vater und seiner Mutter aufgezogen wird. Das gilt dann schnell als „heteronormativ“, was nicht als Kosewort gemeint ist. Auch die Genderlehre treibt wilde Blüten und redet schon mal von „60 verschiedenen Geschlechtern“ (so Facebook) – gegen jede biologische Kenntnis. Und wer Abtreibung aus der Sicht der Kirche thematisiert, gilt als intolerant. Pluralismus sieht anders aus!

13. Segen: Kapitalismus- und Konsumkritik

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Ja, der Kapitalismus hat gewaltige Schattenseiten: die Ausbeutung von Rohstoffen in ärmeren Ländern. Die häufig einseitige Bewertung von Menschen nach wirtschaftlichen Kriterien. Die ungleiche Verteilung von Wohlstand. In den Sechzigerjahren setzte eine intensive Kritik an Konsum und Kapitalismus ein. Das wirkt bis heute fort und führt zumindest manchmal zu bewussterem Konsum und einer Begrenzung von Banken, Unternehmen und kapitalistischen Auswüchsen. Und das ist auch gut so!

14. Fluch: Die Verdammung des Kapitalismus

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Wenn jemand Meister darin ist, das Kind mit dem Bade auszuschütten, dann vielleicht die 68er. Denn bei aller berechtigten Kritik bleibt der Kapitalismus (okay: die soziale Marktwirtschaft) immer noch das beste aller schlechten Systeme. Denn die Menschen wollen handeln, tauschen, produzieren und aus diesem Antrieb entsteht viel Gutes, Wichtiges, Lebensnotwendiges. Es gibt kein anderes politisches System, in dem Menschen auf Dauer frei und glücklich sind – weder den Kommunismus noch theokratische Systeme. Also: lasst und handeln, feiern, froh sein – und die Gerechtigkeit dabei nicht vergessen.