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Wolfgang Kos bei der Programmpräsentation für das Popfest 2014 (Wien Museum, Wien, Österreich).
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John Lennons wohl populärster Hit "Imagine" steht als "Gebet eines Atheisten" in einer Reihe von Liedern, die als beispielhaft für die geistigen Strömungen und historischen Umwälzungen im 20. Jahrhundert gelten können. Und der Kulturhistoriker Wolfgang Kos hat für sein neues Buch "99 Songs" auch andere ausgewählt, die die spirituelle Aufladung von Befreiungsbewegungen, religiöse Individualisierung und auch Ablösung von kirchlichen Wertvorgaben in diesem bewegten Jahrhundert veranschaulichen. Im Interview mit "Kathpress" gab der langjährige ORF-Radiojournalist und Direktor des Wien Museums dazu jüngst einige Beispiele. Fazit: Auch Religion ist immer wieder ein Thema in der "U-Musik", sei es als Inspiration oder als Abgrenzungsbereich vom Althergebrachten.

Das Spektrum der von Kos ausgewählten Lieder umfasst "Ich bin eine anständige Frau" aus Franz Lehars Welterfolg "Die Lustige Witwe" bis zum "Birima" des senegalesischen Musikers und Kulturministers Youssou N'Dour, umspannt zeitlich das gesamte Jahrhundert und Musikgenres von Operette über Schlager, Jazz, Blues, Bossa Nova, Rock'n'Roll, Beat, Soul, Rock, Austro-Pop bis hin zum Hip Hop. Auswahlkriterium waren in Musik gegossene Zeitstimmungen, Lebensbedingungen und Moden ebenso wie kollektive Sehnsüchte, Ängste und neue Ideen, die mittels breit rezipierter Songs unter die Leute kamen.

Das geschah z.B. bei "We shall overcome", der Hymne des passiven Widerstands in der Zeit der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1950er- und 1960er-Jahre. Laut Kos hatte der keinem Komponisten zuzuordnende ehemalige Kirchenchoral schon davor politische Relevanz: Auch streikende Tabakarbeiterinnen an der US-Ostküste stimmten "We shall overcome" an und machten sich damit Mut; später erklang es 1968 beim Prager Frühling auf dem Wenzelsplatz. Und die Melodie stammt laut der inzwischen penibel recherchierten Herkunftsgeschichte des nichtaggressiven Protestsongs von einem sizilianischen Kirchenlied des 18. Jahrhunderts.

Religiöse Wurzeln der schwarzen US-Musik

Viele der berühmtesten schwarzen US-Stars aus der Soul- und Rhythm&Blues-Szene haben ihre Wurzeln in den protestantischen Kirchengemeinden, verwies Wolfgang Kos auf Größen wie Aretha Franklin, James Brown, Marvin Gaye oder Whitney Houston. Von Ray Charles wählte er mit dessen erstem Nummer-1-Hit "I Got a Woman" einen Song aus, der für eine spezielle Art der Säkularisierung stehen könne: "Aus Gospel-Ekstase wird erotische Popmusik." Denn Modell für Charles' Adaptierung war der Gospelsong "It must be Jesus" - ein Muster des Ersatzes von Gott/Jesus durch einen Liebespartner, das sich auch bei anderen Kirchenliedern wiederholte.

Für eine Art Abnabelung von kirchlicher Sozialisation kann auch "Like a Prayer" des US-Superstars Madonna gelten: Im Video dazu tanzt die - so Kos - "Tochter einer religiösen italoamerikanischen Familie" zwischen brennenden Kreuzen, küsst im Traum einen "schwarzen Jesus", zeigt zuletzt begleitet von einem schwarzen Gospel-Chor blutende Wundmale an ihren Handflächen. Das mit Sexualität gewürzte Aufgreifen religiöser Symbole und Motive im Video führte in mehreren Ländern zu Protesten und Blasphemie-Vorwürfen gegen Madonna, wie Kos in "99 Songs" erinnert.

Nach Papstappell gesungene "Friedensenzyklika"

Im Interview mit dem studierten Historiker und Politikwissenschafter wird deutlich, dass ihm John Lennons "Imagine" persönlich wesentlich mehr bedeutet. Der Ex-Beatle habe diese "genial schlichte und gebetshafte Klavierballade" während des Vietnamkrieges in einer Schaffensphase komponiert, als er mit seiner Frau Yoko Ono als Friedensapostel "Give peace a chance" einforderte. Kos sieht "Imagine" trotz der im Text enthaltenen Absage an (die spaltende Wirkung von) Religion als "parareligiöses Lied", in dem Lennon "von seiner Superstar-Kanzel aus seine Vision verkündete", nämlich dass man nur in einer Welt ohne nationale Abgrenzungen, Privateigentum und ohne Religion in Frieden leben könne. Erst bei der Arbeit an "99 Songs" sei ihm anhand der Textzeilen "no hell below us, above us only sky" bewusst geworden, dass im Englischen anders als im Deutschen sprachlich zwischen einem spirituellen "heaven" und dem bloß physikalischen "sky" unterschieden wird.

Dass "Imagine" ähnlich wie etwa "Freude, schöner Götterfunken" als zeremoniell einsetzbare Hymne, adressiert an "alle Menschen guten Willens", funktioniere, illustriert Kos mit einem Rückblick auf einen UNO-Entwicklungsgipfel im September 2015: Papst Franziskus appellierte dort an die Weltgemeinschaft, danach habe der kolumbianische Popstar Shakira Lennons "Friedensenzyklika" intoniert: "Imagine all the people living live in peace"...

Er habe überlegt, mit "Jesus Christ Superstar" ein weiteres musikalisches Meisterwerk der friedensbewegten Hippie-Ära in seine Sammlung aufzunehmen, berichtete Kos. Wie bei "Hair" habe es jedoch auch beim bis heute erfolgreichen Pop-Musical um die Leidensgeschichte Jesu nicht "den einen" Song gegeben, der das Gesamtwerk überragt hätte. Sehr wohl der Fall gewesen sei dies bei "Edelweiß" aus dem in den USA höchst populären Musical "Sound of Music" mit Österreich-Bezug und dessen oscarprämierter Verfilmung; die darin vorkommende "katholisch-monarchistische" Trapp-Familie im Widerstand gegen Nazi-Deutschland sei bis heute Auslöser von Touristenströmen nach Salzburg, so der Buchautor.

Generell sei der Diagnose zuzustimmen, dass sich Säkularisierung und wachsende Distanz zu institutionalisierter Religion auch in der Populärmusik des 20. Jahrhunderts wiederspiegelt, antwortete Kos auf eine "Kathpress"-Frage. In seinem Buch nicht erfasst, dennoch vielfach spürbar sei freilich eine religiöse Suche und spirituelle Beheimatung, etwa in Hits wie "I Still Haven't Found What I'm Looking For" von der irischen Rockband U2 oder "Hungry Heart" von Bruce Springsteen. Aber bei der Beschränkung auf 99 Songs könne man nicht alles aufnehmen, so der Autor.