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Die Zukunft des "Echo" ist nach dem Eklat der diesjährigen Preisverleihung ungewiss.
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Die Debatte um die Verleihung des Deutschen Musikpreises „Echo“ an die umstrittenen Rapper Kollegah und Farid Bang am 12. April in Berlin geht weiter. Mittlerweile wurde bekannt, dass der Echo-Ethikbeirat, in dem die beiden großen Kirchen mit jeweils einem Vertreter sitzen, mit 6:1 Stimmen für die Preisverleihung an das Duo gestimmt hatte. Der evangelische Vertreter, der Kunsthistoriker Klaus-Martin Bresgott vom Kulturbüro des Rates der EKD (Berlin), war dafür, die katholische Vertreterin, Uta Losem (Berlin), als Einzige dagegen. Wie aus dem internen Beschluss des Beirats hervorgeht, heißt es in einer Fußnote zu ihrer Position: „Die katholische Kirche sieht die Grenze der Kunstfreiheit als überschritten an.“ In seiner Stellungnahme hatte der Beirat die antisemitischen Aussagen der Rapper kritisiert. Ihre Texte hätten die künstlerische Freiheit aber „nicht so wesentlich übertreten“, dass ein Ausschluss gerechtfertigt wäre. Zum Hintergrund: In dem Lied „0815“ auf ihrem Album „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ heißt es etwa „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“. Losem – sie ist die einzige Frau im Gremium – sagte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), dass die katholische Kirche die Preisverleihung als unmöglich erachtet habe. Denn auf dem Album verhöhnten die Rapper nicht nur die Opfer des Holocausts, sondern auch die Attentate auf den Pariser Nachtclub Bataclan und den Berliner Weihnachtsmarkt sowie der Fall des „Treppenschubsers“ in Berlin würden verharmlost: „Insgesamt scheint das Gespür dafür verloren gegangen zu sein, was geht und was nicht geht. Das Bewusstsein dafür wieder zu schärfen ist unser aller Aufgabe.“

Kulturbeauftragter des EKD-Rates: Die Entscheidung kann man falsch finden

Der Kulturbeauftragte des Rates der EKD, Johann Hinrich Claussen, warb gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea für eine faire Beurteilung der Entscheidung des Gremiums. Der Ethikbeirat sei eine der ersten öffentlichen Stimmen gewesen, die einen Preis für das Duo scharf kritisiert und damit eine Debatte angestoßen habe: „Die Entscheidung, sie nicht auszuschließen, kann man natürlich als Fehler ansehen.“ Man müsse sich aber fragen, ob man mit einem Ausschluss das eigentliche Problem aus der Welt geschafft hätte oder ob man solche Provokationen dadurch nicht noch befördere: „Das ist doch das zynische Kalkül von solchen Entgleisungen. Es ist eine Frage der Abwägung. Die Entscheidung kann man falsch finden. Aber der Beirat ist mehrheitlich zu dem Schluss gekommen, sich auf eine scharfe inhaltliche Auseinandersetzung zu konzentrieren.“ Claussen betonte, dass es in der Beurteilung des Albums im Beirat keine Unterschiede gegeben habe. Der „Echo“ müsse insgesamt neu bedacht werden. Es müsse nach „echten Qualitätskriterien“ entschieden werden und nicht nach Verkaufszahlen. Claussen begrüßte, dass der Bundesverband der deutschen Musikindustrie Neuerungen bei der Vergabe des „Echos“ angekündigt hat: „Die Forderung der evangelischen und der katholischen Kirche nach einer Neuformatierung des Preises hat offenkundig Gehör gefunden. Demnach wird es einen Ethikbeirat in Zukunft nicht brauchen, wie wir ebenfalls gefordert haben. Der bisherige Ethikbeirat ist im Begriff, sich aufzulösen.“

Künstler geben aus Protest ihre „Echos“ zurück

Inzwischen haben mehrere Künstler aus Protest ihre „Echos“ zurückgegeben, darunter der Sänger und Musiker Marius Müller-Westernhagen und der jüdische Pianist Igor Levit. Der Limburger Bischof Georg Bätzing nannte es unerträglich, wenn Musik aggressiv zu Antisemitismus und Hass auf Religionen und Kulturen aufrufe. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick bezeichnete die Verleihung an das Duo als einen Fehler. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Essen): „Das Versagen des Ethikrates ist in diesem Fall besonders bitter.“ Zwar sei in Deutschland die Kunstfreiheit garantiert, „aber sie hat ihre Grenzen da überschritten, wo Holocaust-Opfer verhöhnt werden“. Der Präsident des Deutschen Kulturrats, Christian Höppner, hat seinen Rückzug aus dem Beirat angekündigt. Er habe die Entscheidung der Jury aber zunächst unter dem Aspekt der künstlerischen Freiheit respektiert. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) bestätigte derweil, dass das Album bereits vor der Echo-Verleihung auf dem Index des Senders stand.

Plattenfirma der Rapper stellt sich hinter die Musiker

Die Plattenfirma BMG stellte sich hinter die Rapper. Man sage den Künstlern nicht, was ihre Texte enthalten sollten und was nicht. Ohne Zweifel hätten manche Textzeilen viele Menschen tief verletzt. Andererseits seien viele nicht so sehr verletzt worden, so dass das Album 2017 eines der meistverkauften in Deutschland gewesen sei. Die Rapper hätten betont, weder rassistisch noch antisemitisch zu sein. Der Musikpreis „Echo“ wird seit 1992 von der Deutschen Phono-Akademie verliehen. Sie ist das Kulturinstitut des Bundesverbandes Musikindustrie. Die Jury hat rund 550 Mitglieder. Bislang wird gleichberechtigt durch den Chartserfolg und das finale Jury-Votum entschieden, wer einen Echo gewinnt.