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Im August sorgte eine Dokumentation der BBC für weltweites Aufsehen. In Norwegen wurde ein hoch angesehener Kinderpsychiater wegen Download von Kinderpornografie zu einem milden Urteil von nur 22 Monaten Haft verurteilt (wir berichteten). Die Behörden weigern sich, jene Kinderschutzfälle näher zu überprüfen, an denen dieser Psychiater beteiligt war. Der verurteilte Experte hat inzwischen mit Hilfe eines neuen Anwalts Berufung eingelegt. In einer weiteren Verhandlung will er ein noch milderes Urteil erlangen. Vor allem möchte er nicht zu lange von seinen beiden Kindern getrennt sein, für die er - trotz der Schwere seines Vergehens - noch immer die Obsorge behält. Es handelt sich dabei um Zwillinge, die der alleinerziehende Vater im Jahr 2010 zu einem günstigen Preis von einer indischen Leihmutter gekauft hat. Dies berichtete der indische Sunday Guardian bereits im Mai.

Anlässlich der BBC Dokumentation hat sich in Norwegen nun erstmals die neue Ministerin für Kinder und Gleichberechtigung, Linda Hofstad Helleland, über das norwegische Kinderschutzsystem geäußert. Sie werde keinen Millimeter vom bisherigen Kurs abweichen, betonte Helleland in den norwegischen Medien. Sie sei stolz auf den 'Barnevernet', da er der beste Kinderschutz der Welt sei, so Helleland weiter. Andere Länder würden schon bald das norwegische System kopieren, fügte sie hinzu.

Aktivisten in Norwegen klagen jedoch schon seit Jahren dieses System an, Kinder ohne Rechtfertigung von ihren Eltern zu entfernen und die Grundrechte von Kindern zu missachten. Die norwegische Anwältin Nathalie H. Brinkmann kritisiert die Ministerin und schreibt im norwegischen 'Aftenposten': „Es ist legitim die Welt zu hinterfragen, in der die Ministerin lebt. Weiß sie eigentlich, wie viele Familien getrennt werden, ohne das Vorhandensein von Sucht, Gewalt oder schweren psychischen Erkrankungen?“

Inzwischen hat der Europäische Gerichtshof am 6. September in einem Fall von Kindesentzug einstimmig geurteilt, dass Norwegen die Menschenrechte verletzt hat. Der norwegische Staat muss der betroffenen Familie nun ein Schmerzensgeld in Höhe von 25.000 Euro zahlen. Im Oktober wird ein weiterer Fall vor dem Europäischen Gerichtshof verhandelt. Bereits im Juni hatte schon der Europarat in einer Resolution gefordert, dass Norwegen die Grundrechte der Kinder achten soll.

Scharfe Kritik an der norwegischen Ministerin kommt diesbezüglich nun auch aus Schweden. Ruby Harrold-Claesson, eine renommierte Anwältin und Präsidentin des Nordischen Komitees für Menschenrechte, kommentierte auf Facebook die Aussagen Hellelands mit folgenden Worten:

"Wenn die norwegische Kinderministerin Linda Hofstad Helleland wirklich behauptet, dass Norwegens 'Barnevernet' der beste Kinderschutz der Welt ist, und dass andere Länder das norwegische System kopieren werden, dann muss sie durch ihre hohe Position völlig verblendet und geistesgestört sein, und sie muss mehr als verrückt sein. Es scheint offensichtlich zu sein, dass sie die Resolution des Europarates vom 29. Juni 2018 nicht gelesen oder noch nicht einmal davon gehört hat. In der Resolution zur norwegischen Kinderfürsorge fordert die Parlamentarische Versammlung des Europarates, dass Norwegen die Grundrechte der Kinder achtet."

Urteil Europäischer Gerichtshof im Fall „Jansen gegen Norwegen“:
http://hudoc.echr.coe.int/eng?i=001-185495