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IMABE-Geschäftsführerin Kummer: In Österreich kaum Aufklärung über die niedrige IVF-Geburtenrate ab 35 Jahren.
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Auch wenn Österreich seit Wochenbeginn erstmals eine Statistik über künstliche Befruchtung (IVF) besitzt, bleibt die Datenlage zum Thema weiterhin "völlig unzureichend": Diese Kritik hat die Wiener Bioethikerin Susanne Kummer am Freitag in einer Stellungnahme gegenüber "Kathpress" geäußert.

Während die ebenfalls kürzlich veröffentlichten Statistiken aus Deutschland oder Großbritannien aufschlussreiche Details enthielten, ließen die IVF-Institute hierzulande weiterhin "offenbar vieles völlig im Dunkeln", so die Geschäftsführerin des Instituts für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE).

Nicht erkenntlich sei bei den vorgelegten Daten über IVF, Eizellen- und Samenspende und die Selektion von Embryonen nach einer Präimplantationsdiagnostik (PID) beispielsweise, wie oft die künstliche Befruchtung zum Erfolg führte, wie viele Versuche nach Eizellenspende fehlgeschlagen sind oder abgebrochen werden mussten, wie viele Fehl- oder Totgeburten es gab oder nach welchen Krankheiten Kinder aussortiert worden sind. Außer den spärlichen Daten zum sogenannten Hyperovulationssyndrom gebe es keine Angaben über negative Vorkommnisse, und auch die selektive Abtreibung von Embryonen bei Mehrlingsschwangerschaften bleibe unerwähnt.

Um einiges weiter als das österreichische Datenmaterial ist laut der Expertin das im Dezember publizierte deutsche IVF-Register, das von einer 20-prozentigen Fehlgeburtenrate (5.133 Fälle), 303 Abtreibungen rund um IVF, 271 nach IVF mit Behinderung geborenen Kindern sowie 210 totgeborenen spricht. 2015 wurden demnach mehr als 20.000 Kinder in Deutschland nach künstlicher Befruchtung geboren, womit die durchschnittliche Lebendgeburt pro Behandlung ("Baby-Take-Home-Rate") nur bei 20 Prozent liegt.

Im Gegensatz zu Österreich finde in Deutschland sehr wohl eine Aufklärung über die niedrige Geburtenrate pro Embryotransfer bei höherem Alter der Frau statt, sagte Kummer. Bei einer 35-jährigen Frau liegt diese laut den Zahlen im Nachbarland bei 26 Prozent, bei einer 40-Jährigen nur noch bei 15 Prozent und bei einer 44-Jährigen sogar nur noch bei 3,2 Prozent. Der österreichischen Statistik zufolge waren von den rund 10.500 Frauen, die sich in Österreich im Jahr 2016 einer IVF unterzogen hatten, fast 2.000 schon über 40 Jahre alt und mehr als die Hälfte (5.800) über 35. Offenbar würden hier "falsche Hoffnungen geschürt", kritisierte die IMABE-Geschäftsführerin.

Sehr wohl fand in der Österreich-Statistik Erwähnung, dass über 30.000 Embryonen derzeit tiefgekühlt gelagert sind. "Dass diese Produktion von Menschen auf Vorrat in Österreich solche Ausmaße angenommen hat, bedarf dringend einer Korrektur", befand Kummer dazu.

GB: Mukoviszidose-Baby ein "unerwünschtes Ereignis"

Auch in Großbritannien haben die zuständigen Behörden soeben den nationalen IVF-Bericht veröffentlicht. Wie diesem zu entnehmen ist, stieg 2016 die Zahl der sogenannten "unerwünschten Ereignisse" und Beinahe-Fehler rund um die künstliche Befruchtung. 540 derartige Zwischenfälle wurden gemeldet, um 8,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor, wobei die IVF-Behandlungszahl im gleichen Zeitraum nur um 6 Prozent stieg.

Die Wiener Ethikerin verwies darauf, dass im britischen Bericht eine Erkrankung des Kindes mit der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose nach künstlicher Befruchtung als "schwerwiegendes unerwünschtes Ereignis" in die höchste Kategorie A eingestuft wurde. Die Ärzte hatten demnach wegen eines Formalfehlers die erbliche Vorbelastung der Eltern übersehen, weshalb der kranke Embryo eigentlich vernichtet und stattdessen ein gesunder Embryo der Frau eingesetzt werden sollte. In dieselbe Kategorie fallen auch das Einsetzen eines falschen Embryos, Tod, Ausfall der Kühlanlagen und damit Absterben tiefgekühlter Embryonen, wozu jedoch keine Fälle gemeldet wurden.

Am meisten Zwischenfälle gab es in den Kategorien B - darunter etwa, dass Embryonen verloren oder Informationen an falsche Adressaten gingen, sowie eine qualitative Beeinträchtigung des Embryos durch Fehlbehandlung - sowie Kategorie C, in die etwa eine Fehlbehandlung, die eine von mehreren Eizellen unbrauchbar machte, zugeordnet wurde. Offenbar würden nicht alle Vorkommnisse gemeldet, zeigte sich die zuständige Behörde besorgt, man würde den Hinweisen darauf aber nachgehen.